Erinnerung und Begegnung e.V.
im
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz

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Editorial zur Aktualisierung Dezember 2020

Mit dieser Aktualisierung möchten wir Sie auf eine Reihe von Publikationen aufmerksam machen; denn wegen der Pandemie wird ein Teil der Nutzer etwas mehr Zeit zum Lesen haben.

Zwei Artikel beziehen sich auf das christliche Weihnachten. Dies ist keine pflichtgemäße Referenz an eine Tradition, deren Sinn vielen nicht mehr bewusst ist, wie beim Reformationstag. - Manche Ältere halten den 31. Oktober für den Weltspartag, eine Mehrheit der Jüngeren meint, es gibt schulfrei, um Halloween feiern zu können. - Nein, eine enge Bindung an Glaube und Kirche war für viele deutsche Minderheiten im Ausland eine wichtige Stütze, um Ihre Identität wahren zu können. Die Kirchen waren die ersten Organisationen, die sich nach dem Krieg der Probleme der Flüchtlinge und Vertriebenen angenommen haben. Das galt sogar für die DDR. In Westdeutschland wurden nach dem Krieg die ersten Vertriebenenorganisationen auf kirchlicher Basis gegründet. Für alle Heimat-gebiete der Vertriebenen und Flüchtlinge gibt es noch immer kirchliche Vertriebenenorganisationen, die sich später auch der Aussiedler angenommen haben.

Wir hoffen, diese Aktualisierung stößt auf Ihr Interesse und regt Sie an, sich das eine oder andere Buch zu bestellen.

Wegen der Fülle der Beiträge haben wir auf Bilder verzichtet.

Wir wünschen Ihnen, dass Sie gesund bleiben und ein gesegnetes Weihnachtsfest feiern können.

Friedrich Zempel

„Oh! Du fröhliche …“

Ein Lied von Johannes Daniel Falk aus Danzig

„Oh! Du fröhliche …“ - Traditionell endet jeder evangelische Weihnachtsgottesdienst mit diesem Lied. Daher kennen es Millionen Deutsche. Die Geschichte seines Verfassers kennen aber nur die wenigsten.

Am 28. Oktober 1768 wurde dem armen Perückenmacher Falk in Danzig ein Sohn geboren, den er auf den Namen Johannes Daniel taufen ließ. Seine Familie war so arm, dass der Vater den offensichtlich hochbegabten Sohn mit 10 Jahren von der Schule nahm, damit er in seiner Werkstatt Perücken herstellte.

Ein Englischlehrer überredete den Vater, seinen Sohn wenigstens zweimal pro Woche am Unterricht teilnehmen zulassen und erteilte ihm Privatunterricht. So half er tagsüber dem Vater und holte nachts das Versäumte nach.
Als Belohnung für seine hervorragenden Leistungen erhielt Johannes ein Stipendium der Stadt für den Besuch der Pfarrschule bei der Kirche Sankt Peter, der einzigen reformierten Kirche in Danzig. Diese Schule hatte einen besonders guten Ruf, den sie sich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bewahrt hat.

Der Rat der Stadt gewährte ihm auch ein Stipendium für den Besuch der Lateinschule (akademisches Gymnasium) und ein Theologiestudium an der damals sehr berühmten theologischen Fakultät in Halle.

Als er sich zur Wanderschaft an die Universität verabschiedete, hielt der Bürgermeister eine feierliche Rede:

„Johannes, du ziehst nun von dannen. Gehe mit Gott! Unser Schuldner bleibst du, denn wir haben uns deiner angenommen und als ein armes Kind liebreich gepflegt. Zahlen musst du deine Schuld.Wohin danach Gott dich führen mag und was deines Lebens zukünftige Bestimmung sei: vergiss nie, dass du ein armer Knabe warst. Wenn einst arme Kinder an deine Tür klopfen sollten, so denke, wir seien es, die alten Ratsherren von Danzig, und weise sie nicht ab.“

Nach einigen Irrungen und Wirren zog Falk nach Weimar und wurde in den Kreis der großen Dichter und Denker wie Goethe, Wieland und Herder aufgenommen.

1806 brachte der napoleonische Krieg viel Leid über die Bevölkerung der Stadt. Die Straßen waren voller Flüchtlinge, zahlloser Verwundeter, verwaister Kinder und plündernder feindlicher Soldaten.

Durch sein diplomatisches Geschick und das Beherrschen von Fremdsprachen wurde Falk ein unbestechlicher, geachteter Vermittler und verhinderte viele Übergriffe.

Er selbst erfuhr auf andere Weise Leid. 4 seiner 7 Kinder und auch er wurden sehr krank. Trotzdem gründete er eine Woche nach dem Tod seines ersten Kindes den Verein: „Die Gesellschaft der Freunde in der Not“, um dem Elend der Flüchtlinge und Verarmten entgegenzuwirken.

Falk verlieh zinslos Geld, kaufte Armen Saatkorn und bezahlte Schulgeld für verwilderte Jungen und brachte sie bei Handwerkern unter.

Doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn aus dem ganzen Land kamen Kinder nach Weimar. Falk nahm die Kinder bei sich auf, die zu ihm kamen und wurde so Vater verwahrloster und elternloser Kinder. Sein Waisenhaus mit ca. 100 Kindern nannte er einen "Missionshaushalt … unter den Heiden im eigenen Vaterland“. Er hielt die Kinder an, füreinander Weihnachtsgeschenke zu nähen und zu basteln.

Den Staat kritisierte er für seine Tatenlosigkeit: „…da wird immer nur mechanisch gestäubt, gehangen und geköpft, ohne auf die Ursache des Übels, die verwahrloste Volkserziehung zurück zu gehen… Toren die glauben, dass bloß Zuchthäuser und Strafmittel den Menschen bessern! Es ist das Vaterhaus, nicht das Strafhaus, zu welchem die Verirrten zurückkehren müssen!“

Er erklärte: „Unsere Anstalt handhabt 3 Schlüssel: 1. den Schlüssel zum Brotschrank, 2. den Schlüssel zum Kleiderschrank, 3. den Himmelsschlüssel. Und sobald der letzte nicht mehr schließt, so stockt es auch mit den beiden anderen.“

Als er zu Weihnachten 1816 sehr krank wurde und mit seinem letzten Weihnachtfest rechnete, dichtete er ein Lied und übte es mit seinen Kindern ein. „O du fröhliche, o du selige, gnaden-bringende Weihnachtszeit“

3 Jahre später wurde das Haus, in dem er und die Waisen lebten, vom Eigentümer verkauft und musste geräumt werden. Notgedrungen kaufte er ein baufälliges Haus, bekam aber keine Unterstützung vom Staat und musste das Haus selbst mit seinen Kindern ausbauen. Über das Eingangstor setzte er die Inschrift:

„Nach den Schlachten von Jena, Lützen und Leipzig erbauten die Freunde in der Not mit 200 geretteten Knaben dieses Haus dem Herren zum ewigen Dank und Altar.“ 1821

Als Johannes Daniel Falk das 6. Kind genommen wurde, sagte das sterbende kleine Mädchen zu ihm „Deine eigenen Kinder müssen alle fort, Vater, damit die fremden Kinder desto mehr Platz im Haus haben.“

Fünf Jahre später, am 14. Februar 1826, am Geburtstag seiner Frau, wurde Johannes Daniel Falk heimgerufen. Aber in seinem Lied „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ….“, das heute auf der ganzen Welt gesungen wird, lebt er fort.

Matthias Koch

Weihnachten in Sibirien

Das Weihnachtsfest erfordert nicht nur von den Müttern gewaltigen Leistungen, sondern kann auch unter Männern ungeheure Kräfte freisetzen. Das hat einmal mein Onkel Paul erlebt.

Onkel Paul wurde 1902 in der Heimat unserer Familie im Posener Land geboren. Die Gnade der späten Geburt schützt ihn davor, im Ersten Weltkrieg als Soldat eingezogen zu werden. Bei Kriegsende konnte er eine Lehrerausbildung beginnen. Weil die Heimat unserer Familie 1919 in den neu gegründeten polnischen Staat integriert wurde, musste er Polnisch lernen und eine polnische Staatsprüfung ablegen. Inzwischen gab es aber genügend junge Polen mit einer Lehramts-befähigung. Daher bekam er keine Anstellung als Lehrer. Dennoch sollten ihm seine polnischen Sprachkenntnisse später von großem Nutzen sein.

Polen und Russen verbindet seit Jahrhunderten eine innige tief empfundene Abneigung. Zwischen beiden Völkern herrscht eine Art Erbfeindschaft. In der Politik gibt es nämlich keine Nächstenliebe, sondern nur eine Übernächstenliebe. Russen und Deutsche lieben sich, weil Polen dazwischen liegt. Polen und Franzosen lieben sich, weil Deutschland dazwischen liegt. Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht. Trotz aller gegenseitigen Abneigung haben Russen und Polen viele Gemeinsamkeiten - zum Beispiel in der Sprache. Wer Polnisch spricht, kann sich im täglichen Leben mit Fantasie und Einfühlungsvermögen auch mit Russen verständigen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Onkel Paul zur Reichswehr eingezogen und an der Ostfront eingesetzt. Kurz vor Kriegsende geriet er in russische Gefangenschaft. Er war schweren Misshandlungen ausgesetzt, unter denen er sein ganzes Leben lang litt. Während eines Marsches überlegten die russischen Soldaten, ihn in den Graben zu legen und sterben zu lassen. Er verstand ihr Gespräch und bat in Polnisch um sein Leben. Das brachte einen Offizier auf die Idee, ihn als Dolmetscher einzusetzen. Er durfte sich weiter mitschleppen.

Am Heiligabend 1945 wurde sein Lager von einem Gebietskomitee besucht, zu dem auch Frauen gehörten. Der Lagerkommandant ließ die Gefangenen antreten und befahl, die Internationale zu singen. Onkel Paul übersetzte. Die Gefangenen schwiegen zunächst. Plötzlich begann einer, der hinten stand, eine bekannte Melodie zu summen. Langsam stimmten die andern erst leise und dann immer lauter ein und es erklang “Stille Nacht, heilige Nacht“. Der Chef des Gebietskomitees fragte, was das für ein Lied sei. Onkel Paul antwortete: “Das ist ein bekanntes deutsches Arbeiterlied.“

Als das Komitee abgerückt war, tobte der Lagerkommandant, denn er hatte verstanden, dass in diesem Lied weder von Klassenkampf noch von Revolution die Rede war. Er schrie den Onkel an, warum er nicht ein anderes Lied habe singen lassen. Der antwortete: "Um uns zum Schweigen zu bringen, hätten Sie alle erschießen müssen. Wie wollen Sie ohne Gefangene die Arbeitsnorm erfüllen.“ Der Kommandant schwieg.

f. z.

Weihnachtsaktion

Sagen, Mythen und Märchen aus dem Osten

Ein Büchlein für die ganz Jungen zum Vorlesen und Lesen

Jens Baumann, Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath haben 2016 eine Broschüre für Jung und Alt vorgelegt. Es werden Märchen aus 8 Heimatgebieten der Vertriebenen und Spätaussiedler erzählt und mit Bildern von Kindern aus den Grundschulen illustriert, die an dem Schülerwettbewerb der Verbände der Vertriebenen und Spätaussiedler in Sachsen teilgenommen haben. Als kleine Nachhilfestunden für die Erwachsenen enthält jedes Kapitel eine kurze Beschreibung des jeweiligen Heimatsgebietes.

Parallel dazu hatte unser leider verstorbener Freund Mario Morgner ein Malbuch mit kurzen Geschichten aus den Heimatgebieten und Bilder zum Ausmalen herausgegeben. Märchenbuch und Malbuch zusammen können Sie bestellen gegen eine Spende von 10 € bei friedrich.zempel@t-online.de. Die Zusendung erfolgt nach Eingang Ihrer Spende auf dem Konto der Stiftung Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen, IBAN: DE 36 8505 0300 0221 1495 62.

Buch und Malbuch wurden großzügig gefördert aus dem von den Abgeordneten des sächsischen Landtages beschlossenen Staatshaushalt.

d. Red.

Eleonora Hummel - Die Wandelbaren

Roman über ein deutsches Theater in der Sowjetunion

Den Deutschen in/aus Russland widmen Wissenschaftler und Schriftsteller seit einigen Jahren eine außerordentlich große Aufmerksamkeit, wie sie in ihrer Breite keine andere Volksgruppe erfahren hat. Zu denken ist u. a. an Ulla Lachauer, Freya Klier oder Sergej Lebedew. Eine Autorin verdient besondere Aufmerksamkeit, Eleonora Hummel. Vor 25 Jahren begann die damals 25-jährige mit ihrer literarischen Arbeit. Inzwischen ist die Reihe ihrer Werke in unserem Bücherschrank nicht mehr zu übersehen. Mit unserer Wertschätzung sind wir nicht allein.

In diesem Jahr wurde sie mit dem Kulturpreis der Russlanddeutschen ausgezeichnet. Mit ausschlaggebend für die Preisverleihung war ihr neusten Buches „Die Wandelbaren“, das im vorigen Jahr erschien. Es befasst sich mit dem Ensemble des deutschen Schauspieltheaters Temirtau in Kasachstan. Auch die anderen Bücher von Eleonora Hummel empfehlen wir ihrer Lektüre. Ihr (bisheriges) Gesamtwerk schildert das Leben der Deutschen in Russland in verschiedenen Facetten. Allen Lesern, seien sie Betroffene oder nicht Betroffene, verhelfen ihre Bücher zu einem besseren Verständnis der Deutschen aus Russland. Eine ausführliche Rezension können Sie hier herunterladen.

f. z.

Eleonora Hummel fotografiert von Paul Kuchel
Eleonora Hummel fotografiert von Paul Kuchel

Ein Schlüssel für das Erfolgsgeheimnis?

Am Rande Mitteleuropas

„Am Rande Mitteleuropas“ lautet der Titel eines Buches über das Banat von Prof. Dr. Anton Sterbling, Mitglied des Kuratoriums unserer Stiftung. Es ist ein Bekenntnis zu seiner Heimat, dem Banat als multiethnische Region. Hier hat er bis 1975 gelebt und Elektrotechnik studiert. Dann kam er als Aussiedler in die Bundesrepublik, studierte Sozialwissenschaften und wurde Professor. Obwohl Anton Sterbling sein ganzes Berufsleben als Wissenschaftler gearbeitet hat - über 500 Veröffentlichungen tragen seinen Namen - ist das Buch von den eigenen Erfahrungen des Autors geprägt. Es ist daher gerade für ein breites Publikum lesenswert. Offenbar haben die ersten Studienjahre der Elektrotechnik seine Gedankenführung nachhaltig beeinflusst; denn seine Schriften kann man ohne Benutzung eines Fremdwörterlexikons verstehen.

Innerhalb weniger Jahre hat das in Temeswar im Banat gelegene Nikolaus-Lenau-Gymnasium zwei Nobelpreisträger hervorgebracht. Vielleicht finden Sie in dem Buch von Anton Sterbling einen Schlüssel für das Erfolgsgeheimnis der Deutschen aus dem Banat. Eine ausführliche Rezension von Dr. Jürgen Henkel können Sie hier herunterladen.

d. Red.

Timisoara / Temeswar – europäische Kulturhauptstadt 2021 und ihre deutschen Bezüge

Vor wenigen Wochen elektrisierte eine Meldung ganz Mitteleuropa. Der junge Deutsche Dominik Fritz wurde am 27. Oktober zum Bürgermeister von Timisoara / Temeswar gewählt. Temeswar gehört zu den größten Städten Rumäniens und ist Hauptstadt des Banats, einer der interessantesten Regionen Europas. In den letzten Jahren hat Temeswar mehrfach Furore gemacht. 2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und 2014 Stefan Hell den Nobelpreis für Chemie. Beide Nobelpreisträger gehörten zu der deutschen Minderheit der Banater Schwaben und hatten das Nikolaus-Lenau-Gymnasium in Temeswar besucht, bevor sie mit ihren Familien in die Bundesrepublik ausgesiedelt wurden. Auch der Namensgeber ihrer Schule stammte aus dem Banat. Computerfreaks haben nachgewiesen, dass der Dichter Lenau nach Goethe den umfangreichsten Wortschatz aller deutschsprachigen Dichter hatte. Wer sich mit der deutschen Minderheit im Banat etwas befassen will, dem empfehlen wir den Aufsatz

Mythos Banat

des Mitglieds des Kuratoriums der Stiftung Erinnerung, Begegnung, Integration, Prof. Dr. Anton Sterbling, den Sie hier herunterladen können. Wenn Sie über einen breiten Bildschirm verfügen, können Sie eine 4-spaltige Version mit Bildern und Diagrammen hier herunterladen.

f. z.

Integration durch Arbeit und Leistung

Das schwierige Leben eines Flüchtlingskindes
aus dem Posener Land in der DDR

Jüngere Menschen, die nicht in der DDR aufgewachsen sind, verstehen sie kaum noch. Im Buchhandel gibt es zwar ein umfangreiches Angebot an Apologien der DDR, aber das Leben der Durchschnittsbürger ohne Karriere in der Partei oder Ausgrenzung als Christ oder Systemgegner ist kaum Gegenstand der zahlreichen Neuerscheinungen. Diese Lücke füllt das Buch „Tochter des Schmieds“ von Lieselotte Maria Schattenberg. Sie beschreibt ohne Pathos mit großer Sachlichkeit, ohne in Verteufelung oder Lobhudelei abzugleiten, das Leben einer jungen Frau vom Lande, die zum Lehramtsstudium in eine Großstadt.

Ausgangspunkt der Erzählungen ist das Schicksal der Familie der Protagonistin in ihrer Heimat im Posener Land und nach der Vertreibung in Brandenburg. Es wird deutlich, mit welchen Problemen und Leiden die Vertriebenen und die einfache Landbevölkerung nach dem Krieg fertig werden musste.

Eine Rezension Lieselotte Marschner-Katzur und Bestellhinweise finden Sie hier.

f. z.

Die deutsche Ostsiedlung

Broschüre von Prof. Dr. Winfried Schirotzek

In Gesprächen mit verbandsfremden und jüngeren Menschen wird oft eine von Vertriebenen und Spätaussiedlern als diskriminierend empfundene Fehlinformation offenbar. Sie glauben, die Familien der Spätaussiedler und Vertriebenen seien erst durch das NS-Regime in die östlichen Siedlungsgebiete gekommen. Dass die Deutschen in einigen Regionen bereits vor 800 Jahren ansässig wurden, ist ihnen unbekannt. Unbekannt ist auch, dass sich die deutschen Siedler in den meisten Siedlungsgebieten mit der ortsansässigen Bevölkerung vermischt haben. Auf diese Weise sind die deutschen Stämme der Ostpreußen, Pommern, Schlesier, Siebenbürger usw. entstanden.

Verschiedene Wissenschaftler haben zu diesem Thema dickleibige Bücher herausgebracht, die für Laien zu umfangreich sind. Die rund 30 Seiten DIN A4 der Broschüre von Prof. Schirotzek lassen sich dagegen schnell lesen. Sie sind leicht und flüssig geschrieben, bieten aber alle notwendigen Informationen über die Ostsiedlung und sind daher als Einführung in die Thematik besonders für jüngere Menschen gut geeignet. Die Broschüre kann beim Verein Erinnerung und Begegnung e. V. unter der folgenden Mailanschrift bestellt werden: friedrich.zempel@t-online.de. Nach Überweisung einer Spende von 5 € auf das Vereinskonto: IBAN DE 10 8505 0100 0232 0101 53 wird Ihnen die Schrift zugesandt.

d. Red.

Günter Klemm - Sonnige und andere Tage

Rezension von Peter Redlich, Sächsische Zeitung

Nein, traurig macht das Buch nicht. Auch wenn der Autor, Günter Klemm, unter den Titel

„Die Suche nach der heilen Welt“

den Untertitel setzt „Aus dem Sudetenland vertrieben in Deutschland nicht willkommen“. Der Radebeuler, heute 81 Jahre alt, schildert in vielen Episoden, wie er die Zeit seit 1939 erst in einem Vorort von Teplitz-Schönau, dem heutigen Teplice, und später, nach der Vertreibung, als Sudetendeutscher in Ostdeutschland erlebte.

In bildreicher Sprache schildert Günter Klemm vor allem, was ihm als Kind und Jugendlicher widerfuhr. Da gibt es für den technikbegeisterten Jungen das Erlebnis mit der dampfbetriebenen Bahn, aber auch die Situation, wie er in Berlin in eine Zelle eingesperrt wurde, wegen des Verdachts des Schmuggels. Dabei hatte er nur Weizen im Koffer, der als Futter für Großmutters Hühner gedacht war.
„Verschwindet ihr verhungertes Umsiedlerpack“ musste er sich bei der Bauernhochzeit anhören, weil er die Hoffnung auf ein Stück Zuckerkuchen hatte.

Klemm jammert nicht. Er wechselt zwischen sonnigen Tagen und Tagen mit Regen, wie er selbst über gute und nicht so gute Erlebnisse schreibt. Er hat sein Leben gemeistert. Hat Maschinenschlosser gelernt und als Ingenieur in der Metallbranche gearbeitet. Die letzten Jahre im Berufsleben war er Geschäftsführer einer Textilfirma. Glücklich verheiratet, 3 Kinder, 6 Enkel und 7 Urenkel sind auf dem Paperback-Buchumschlag vermerkt.

Der erst in Dresden – seit 1965 – lebende Autor ist 2004 nach Radebeul gezogen. Er sieht sich als Zeitzeuge und hat die vielen Erinnerungen und Lebensgeschichte seinen Enkeln gewidmet. Wenn es gewollt ist, so sagt Günter Klemm, würde er auch gern Vorträge und Lesungen anbieten – etwa in Schulen. Geschichtenerzählen ist seine Leidenschaft, die ja nützlich sein kann, etwa um Geschichtsunterricht anschaulich zu machen

Das 160-seitige Buch ist gerade im Radebeuler Notschriften-Verlag erschienen und beim Verlag (info@notschriften.de ) oder im Buchhandel für 11,90 € zu erwerben (ISBN: 978 – 3 – 948935 – 04 – 7).

Siebenbürgen – Trauer und Lichtblick

hier hängt das Herz von Prinz Charles und Peter Maffay

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„Siebenbürgen süße Heimat“ – ein Buch von Thomas Heller/Dresden

Thomas Heller aus Dresden, Jahrgang 1964, beschäftigt sich seit Jahren mit Siebenbürgen, wie Christian Ruf in seiner Rezension betont, die Sie hier herunterladen können. Am Schluss seiner Buchbesprechung führt der Rezensent aus, dass einige junge Deutsche ihre Zelte abgebrochen haben, um im Baltikum oder Schlesien zu leben. Das trifft auch auf Rumänien zu. Hermann und Katharina Kurmes, zwei Gymnasiallehrer aus Niedersachsen, haben in Magura unweit des Dracula-Schlosses die Pension Villa Hermani eingerichtet. Von hier aus kann man nicht nur Dracula einen Besuch abstatten, sondern unter kundiger Führung ein Rendezvous mit Braunbären haben. Nähere Informationen findet jeder, der bei einer Suchmaschine Villa Hermani eingibt. Aber Achtung Hermani schreibt man mit einem „r“.

Apropos Peter Maffay und Prinz Charles. Dass der Rockmusiker Maffay immer noch einen Koffer in seiner Heimat Siebenbürgen hat, wissen wohl die meisten unserer Leser. Weniger bekannt ist, dass Prinz Charles in Siebenbürgen eine kleine „Nebenresidenz“ unterhält. Nirgendwo sonst ist die Chance so groß, ihn bei einer Wanderung persönlich zu treffen; denn die ortsansässigen versichern, dass er sich hier sehr volksnah verhält.

Thomas Heller ist nicht der erste Dresdner Fotograf und Autor, der sich durch Siebenbürgen faszinieren ließ. Der heute in München lebende Martin Eichler (näheres finden Sie im Internet) ist ebenfalls mit einer Reihe von Publikationen an die Öffentlichkeit getreten.

f. z.

Epidemie vor 150 Jahren

Welche schrecklichen Ausmaße Epidemien noch im 19. Jahrhundert erreichten, zeigt ein Auszug aus dem Posener Heimatbuch „Exin“. Über das Cholerajahr 1866 wird folgendes berichtet: „… In Exin betrug in normalen Jahren die Zahl der Toten 42, im Cholerajahr 1866 verzeichnete das Sterberegister 313 Verstorbene… Das Sterberegister zählte 1867 noch 181 und 1868 sogar 196 Todesfälle.“

(Exin/Bergen1962/Heinrich Dinkelmann – Die evangelische Kirchengemeinde Exin von 1772 – 1913, S. 61 ff.)

f. z.

70 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen

Am 5. August 1950 wurde die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet. Nach der Wiedervereinigung haben sich die in Sachsen und den anderen neuen Ländern gegründeten Vertriebenenorganisationen die Charta sofort zu eigen gemacht und immer wieder in Publikationen und Vorträgen zu ihr bekannt. Daher soll nur ein Aspekt besonders hervorgehoben werden:

Kein anderes politisches Dokument hat im Laufe der Geschichte so an Anerkennung gewonnen wie die Charta.

Nur eine Minderheit der Öffentlichkeit hat die Verabschiedung der Charta von Anfang an unterstützt, insbesondere die politisch konservative Seite. Ganz überraschend war das allerdings nicht; denn bei der Vorbereitung des Textes der Charta waren Vertreter der Regierung Adenauer eingebunden. Mitglieder der Bundesregierung nahmen an der Verabschiedung durch die Vertreter der Vertriebenen teil und am nächsten Tag, am 6. August, Gäste bei der öffentlichen Proklamation vor fast 150.000 Vertriebenen aus allen Teilen Westdeutschlands. Da es in der DDR keine Vertriebenenorganisationen gab, waren unter den Teilnehmern nur wenige Einzelpersonen aus der DDR.

Von der Regierung der DDR und den mit ihr befreundeten Staaten wurde die Charta immer als ein Dokument des Revanchismus bezeichnet. Mit dem Zerfall des von der UdSSR beherrschten Ostblocks ist diese Kritik obsolet geworden.

Auch in Westdeutschland fand die Charta im politisch linken Spektrum keine Freunde. Die Kritik entzündete sich weniger am Inhalt, sondern an der Tatsache, dass zu den Unterzeichnern mehrere Personen mit einer unbestreitbaren NS-Vergangenheit gehörten.

Im Laufe der Jahrzehnte trat die Kritik an den Mitautoren der Charta in den Hintergrund. Man nahm endlich die Inhalte der Erklärung zur Kenntnis. Bei der Feier des 50. Jahrestages der Charta hob Bundesinnenminister Otto Schily lobend hervor, dass die Vertriebenen sehr früh in der Charta die europäische Einigung „unter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn“ gefordert hätten. Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Partei „die Linke“ bezeichnete vor einigen Jahren die Charta als einen Schlüssel für Aussöhnung und Frieden.

Einer der Schlusssätze der Charta hat bleibende Aktualität:

„Die Völker müssen anerkennen, dass das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge ein Weltproblem ist,…“

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Die Bedeutung der Charta als politische Grundsatzerklärung darf nicht zerredet – bzw. „zerschrieben“ werden. Für alle, die sich näher mit dem Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen befassen, ist aber klar, dass die meisten Forderungen entweder gar nicht oder nur teilweise erfüllt wurden.

Umso wichtiger ist es festzustellen, dass vor allem Ungarn, aber auch Rumänien, Serbien und die baltischen Staaten den deutschen Vertriebenen in vielerlei Hinsicht entgegengekommen sind. Manche Reaktionen waren selbst für Protagonisten der Vertriebenenpolitik erstaunlich. Bereits vor vielen Jahren erklärte ein litauischer Politologe und Hochschullehrer dem Unterzeichner, während der kommunistischen Zeit habe die Regierung immer behauptet, die deutschen Vertriebenen seien Revanchisten und wollten wieder in ihre Heimat zurück. Das habe man
geglaubt. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes hätten die Bevölkerung und die Regierung gehofft, dass sich diese Behauptung erfüllen und die Deutschen bei dem Aufbau des Landes helfen würden. Man sei tief enttäuscht, dass dies nicht der Fall sei.

Friedrich Zempel

Erinnerung, Begegnung, Integration

Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen

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Spenden Sie für das dauerhaft gesicherte Grundvermögen (nicht für den Verbrauch bestimmt)

Stiftungskonto: IBAN: DE 12 8705 2000 0190 0222 05

Liebe Leser

die neuste Ausgabe unserer Verbandszeitung mit vielen aktuellen Informationen finden Sie in der Rubrik "Verbandszeitung". Außerdem können Sie dort alle bisherigen Ausgaben nachlesen.

Über Rückmeldungen würden wir uns freuen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Friedrich Zempel

Aufruf an die Deutschen aus Russland und den Nachfolgestaaten der UdSSR

Spenden Sie Dokumente, Fotos und Ausstellungsstücke für unsere Erinnerungsstätte in Knappenrode/Hoyerswerda.

In Knappenrode werden wir eine Erinnerungs-, Begegnungs- und außerschulische Bildungsstätte errichten. Für diese Einrichtung suchen wir dringend Erinnerungsstücke der Deutschen aus Russland.

Wir kennen Ihre Geschichte. Wir wissen, dass Sie so gut wie keine Gegenstände aus den früheren Heimatgebieten an der Wolga den vielen anderen Siedlungsgebieten in der früheren UdSSR nach Sachsen mitbringen konnten. Für uns sind aber auch wichtig:

Briefe und sonstige Dokumente, Fotos, Bilder, Bücher und Kleidungsstücke, auch aus der Zeit nach der Entlassung aus der Trudarmee, beispielsweise der Schriftverkehr über ihre Aussiedlung und natürlich auch Gegenstände wie Geschirr und Haushaltsartikel.

Selbst ein paar Stricknadeln sind für uns wichtig, wenn sie mit einer Geschichte verbunden sind. Wenn Sie sich nicht zutrauen, die Geschichten selbst aufzuschreiben, helfen wir Ihnen gerne.

Vor einigen Monaten haben wir von einer Deutschen aus Georgien ein Gesangbuch bekommen. Die Eigentümerin hatte zunächst Bedenken, es uns zu übereignen, weil es schon stark zerfleddert war. Aber gerade dieser Zustand war für uns wichtig; denn er ermöglichte uns, die Geschichte der Familie seiner Eigentümerin zu erzählen. Mit einer druckfrischen Ausgabe hätten wir das nicht tun können. Die Geschichte musste die Eigentümerin nicht selbst aufschreiben. Wir habe sie interviewt.

Sie können sich gerne direkt an die Stiftung der Vertriebenen, Heinrich-Heine-Straße 6A, 02977 Hoyerswerda oder an die Vorsitzenden Ihrer landsmannschaftlichen Gliederung wenden.

Friedrich Zempel

PS. Natürlich sind wir auch an den gleichen Erinnerungsstücken aus den Herkunftsgebieten der anderen Vertriebenen und Spätaussiedlern interessiert.

Tanzkreis Rübezahl aus Deutsch-Paulsdorf bei Görlitz

Im Bild: Das Kinder-und Jugendensemble Sonnenschein des DRZ Leipzig im Plenarsaal des Sächsischen Landtages

Falls es Vorschläge, Hinweise oder Beiträge gibt, bitte wenden Sie sich an das Team über die Kontaktseite. Dort finden sie den Link zum Postfach des Vereins.