Erinnerung und Begegnung e.V.
im
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz

Beiträge und Archiv

Prof. Dr. W. Schirotzek – Ein Preuße durch und durch

In diesen Tagen kann Professor Dr. Winfried Schirotzek seinen 80. Geburtstag feiern. Der Unterzeichner möchte dies Ereignis zum Anlass nehmen, ihm für seine Verdienste um die Arbeit der Vertriebenen und Spätaussiedler in Sachsen zu danken.
Winfried Schirotzek wurde am 7. September 1939 in Breslau geboren. Er war das einzige Kind seiner Eltern. Im Januar 1945 musste seine Mutter mit Winfried Breslau verlassen. Sein Vater fiel noch kurz vor Kriegsende in Schlesien. Nach der Flucht kamen Mutter und Sohn zunächst in Thüringen unter. Hier erlebte er, was viele Vertriebene erlebten. Man hatte nichts, galt nichts und war von seinen Verwandten und Freunden getrennt. Schon als Schüler begriff Winfried Schirotzek, dass er mehr leisten musste als die, die ihre Heimat nicht verloren hatten, wenn er sein Leben meistern wollte. Jahrzehnte später hat er sich offenbar an diese Zeit erinnert; denn er war es, der für eine unserer Wanderausstellungen den Namen vorschlug “Integration durch Leistung“.

1957 begann er in Dresden ein Mathematikstudium. Gleich zu Beginn des Studiums lernte er seine spätere Frau Irmtraut kennen. Auch sie war Schlesierin. Das war sicherlich kein Zufall. Beide verband nicht nur das gemeinsame Schicksal als Vertriebene, sondern auch die schlesische Lebensart. Auch seine Frau hat sich vorbildhaft engagiert, wie wir bereits in früheren Ausgaben berichtet haben.

Im Studium zeichnete sich Winfried Schirotzek nicht nur durch Intelligenz, sondern auch durch Fleiß aus. 1967 legte er seine Promotion ab und begann eine wissenschaftliche Forschungs-und Lehrtätigkeit an der technischen Universität Dresden. 1977 schloss sich seine B-Promotion an. Damit hatte er die formalen Voraussetzungen für eine Berufung auf eine Professur erfüllt. Es fehlten jedoch die politischen Voraussetzungen. Er war weder Mitglied der SED noch bereit, die Kontakte zu seinen Verwandten in Westdeutschland abzubrechen. Erst nach der Wiedervereinigung erfolgte seine Berufung auf eine Professur.

Während seiner Lehrtätigkeit verfasste Dr. Schirotzek mehrere fachwissenschaftliche Standardwerke, die noch heute von den Studenten benutzt werden. 2007 erschien das wissenschaftlich Hauptwerk von Prof. Dr. Schirotzek, "Nonsmooth Analysis", in englischer Sprache.

Seit seinem Eintritt in den Ruhestand engagierte er sich in den Verbänden der Vertriebenen und Spätaussiedler in Sachsen. Er arbeitete mit an der Erstellung der Wanderausstellungen "Unsere neue Heimat – Sachsen" und "Integration durch Leistung". Für beide Ausstellungen hielt er mit seiner Ehefrau mehrere Einführungen.

Der Wissenschaft blieb er weiter verbunden, allerdings auf einem anderen Gebiet als der Mathematik. Er wandte sich der Geschichte der Heimatgebiete der Vertriebenen und Spätaussiedler zu. Im vorigen Jahr erschien eine Darstellung der Ostsiedlung. Für die Zeitung des Landesverbandes der Vertriebenen im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz verfasste er eine Reihe von Artikeln.

Nachdem 2009 die zentrale Heimatstube in Reichenbach bei Görlitz gegründet worden war, übernahm er dort die Funktion des Kurators. Aus mehr zufälligen gesammelten Exponaten schuf er zusammen mit seiner Frau Irmtraut das Haus der Heimat. Für die Besuchergruppen, insbesondere Schulklassen, hielt er Einführungsvorträge. Außerdem unterstützte er seine Frau bei der Sammlung, Ergänzung und wissenschaftlichen Aufbereitung von rund 200 Fluchtberichten von Vertriebenen, die in Sachsen eine Aufnahme gefunden haben.

Seine große Leistung ist aber, dass er stets bereit ist, sämtliche in einem Verein anfallenden Aufgaben zu übernehmen. Er hält Festrede, wissenschaftliche Vorträge, stellt Stühle auf, fungiert als Lektor für Freunde in den Vertriebenenvereinen und übernimmt Vorstandsämter, wenn kein anderer bereitsteht, und ist Berater in vielen Angelegenheiten.

Ende letzten Jahres musste Prof. Dr. Schirotzek aus gesundheitlichen Gründen die Leitung des Hauses der Heimat abgegeben. Dafür konzentriert er sich jetzt auf seine anderen Aufgaben und Funktionen.

In der Vereinsarbeit hat sich Professor Dr. Schirotzek ausgezeichnet durch die hohe Qualität seiner Arbeit. Wir haben ihm viel zu verdanken und danken ihm gerne. Wir alle schätzen ihn wegen seiner Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Weil dies auch “höheren Orts“ so gesehen wird, wurde ihm am 13. April d. J. die goldene Ehrennadel des BdV-Bund verliehen.

Preußen als Staat ist zwar untergegangen. Der preußische Geist lebt aber fort in Menschen wie Winfried Schirotzek.

Friedrich Zempel

Winfried und Ira Schirotzek mit den Urkunden übr die Verleihung der goldenen Ehrennadel des BdV am 13.4.19
Winfried und Ira Schirotzek mit den Urkunden übr die Verleihung der goldenen Ehrennadel des BdV am 13.4.19

Sächsischer „Tag der Heimat“ am 24.8.2019 in Görlitz

Die inhaltliche und organisatorische Gestaltung des Tages der Heimat für Vertriebene und Spätaussiedler Sachsen war sehr gelungen.

Thementreffend gut waren die Ansprachen und Grußworte des Herrn Rauhut für Niederschlesien, des Landrates, Herrn Lange und die Worte zum Gedenken.

Besonders beeindruckt hat uns die Festrede unseres Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Seine Ansprache war geprägt durch seine persönlichen Eindrücke die ihm seine Eltern und Großeltern vermittelten. Dies bestätigten seine Meinung zur Notwendigkeit der engen Zusammenarbeit mit unseren Heimatländern.

Zu bewundern ist der Chor aus Oppeln, besonders für seine Lieder in Deutsch.

Auch die Chöre aus Sachsen waren gut!

Die Schüler und Jugendlichen, die dabei waren, „belegten“ mit fröhlichen Gesichtern unseren Ministerpräsidenten, der sich ebenso fröhlich mit ihnen unterhielt.

Die Ausstellung „Spätaussiedler in Sachsen heute“ war besonders informativ hinsichtlich der Historie.

Der Film „Liegnitzer Pferdchen“, von Jugendlichen geschaffen, war leider etwas schwer akustisch zu verstehen. Der Unterschied zwischen dem Fluchtgeschehen vor der Roten Armee und den anschließenden Vertreibungen aus Schlesien u.a. sollte präziser zum Ausdruck kommen. (bei den Vertreibungen konnte niemand so viele Koffer oder Transportwagen mitnehmen, wie im Film zu sehen!)

Das gemeinsame Singen der Lieder unserer Heimatländer und unserer deutschen Hymne bildete einen beeindruckenden Abschluss unserer Veranstaltung in Görlitz.

Herbert Gall- BdV-Vogtland

Ein Jahresrückblick mit Bildern von Wolfgang Linieg, Hoyerswerda

Mitglieder der Tanzgruppe Rübezahl
Die Mitglieder der Tanzgruppe „Rübezahl“ unter Leitung von Constance Rudolph aus Deutsch-Paulsdorf können nicht nur tanzen, sondern auch interessante Informationen über die Geschichte und die Entstehung der Tänze vermittelt. Sie waren auch 2018 bei unserem Sommerfest bei uns zu Gast und haben viel über die Volkskultur in den Heimatgebieten erzählt
Das Kinderensemble des Deutsch-Russischen-Zentrums
Das Kinderensemble des Deutsch-Russischen-Zentrums der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Leipzig kann singen, musizieren und tanzen. Unter Leitung von Vera Eichler haben sie fast jede größere Veranstaltung auf Landesebene bereichert und die Gäste begeistert. Unser Fotograph hat sie bei dem leider verregneten Sommerfest am 24 Juni in einem Zelt entdeckt.
Ministerpräsident Michael Kretschmer, Innenminister Professor Dr. Roland Wöller, BVS Dr. Jens Baumann und Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler
Am 19. Juni wurde im Rahmen einer Gedenkstunde Dr. Jens Baumann im Plenarsaal des Landtages in das Amt des Beauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler beim Sächsischen Staatsministerium des Innern (BVS) eingeführt. Hier sprechen (von links nach rechts) Ministerpräsident Michael Kretschmer, Innenminister Professor Dr. Roland Wöller, BVS Dr. Jens Baumann und Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler miteinander.
Dr. Jozef Zaprucki, Rechtsanwalt Zempel und Wolfgang Linieg
Bei unseren zentralen Veranstaltungen wird nicht nur auf der Bühne getanzt und gesungen, sondern auch Wissenschaftler wie Dr. Jozef Zaprucki von der Hochschule Hirschberg/Jelenia Góra kommen zu Wort. Seine Eltern sind als Vertriebene aus der Ukraine nach Schlesien gekommen. In seiner neuen Heimat setzt er sich für die Pflege des deutschen kulturellen Erbes ein. Am 19. Juni gehörte er zu den Ehrengästen. Von links nach rechts: Dr. Jozef Zaprucki, Rechtsanwalt Zempel, Vorsitzender des Vereins Erinnerung und Begegnung, und Wolfgang Linieg, Schlesier von Geburt und aus Leidenschaft, Bildreporter dieser Serie.
Der Chor der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft Waldenburg/Walbrzych
Der Chor der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft Waldenburg/Walbrzych hat am Sommerfest und Treffen der Chöre am 24 Juni teilgenommen und in der Sankt-Johannes-Kirche von Reichenbach gesungen.
Rosa Wegelin
Beim Sommerfest am 24. Juni sitzen die Herren – Pastor Christoph Wiesener, Dr. Jens Baumann und Stephan Rauhut (Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien) - zwar in der 1. Reihe. Den Takt gibt aber eine Frau an, Rosa Wegelin, Deutsche aus Russland.
Teilnehmer des Sommerfestes am 24. Juni in einer Pause
Teilnehmer des Sommerfestes am 24. Juni in einer Pause
Kulturfestival der deutschen Minderheit in Polen
Am 23. September wurden in Breslau das Kulturfestival der deutschen Minderheit in Polen durchgeführt. Mehrere Gruppen aus Sachsen gehörten zu den Gästen. Das Festival wurde mit einem Gottesdienst in dem voll besetzten Dom zu Breslau eröffnet.
Landesvorsitzender Hirche
Den Tag der Heimat haben wir am 29. September in der Lausitzhalle in Hoyerswerda gefeiert. Landesvorsitzender Hirche konnte wieder mehrere Hundert Gäste aus ganz Sachen begrüßen.

Ein Großer aus Breslau/Schlesien - Der Theaterkritiker Dr. Alfred Kerr

Alfred Kerr, so sein späteres Pseudonym, wurde am 1.Weihnachtstag 1867 in Breslau als Sohn des Weinhändlers Emanuel Kempner, jüdischen Glaubens, geboren.

Alfred wuchs im Zentrum der schlesischen Hauptstadt gegenüber dem Stadttheater, dessen Architekt der berühmte Carl Gotthardt Langhans war, in gutsituierten bürgerlichen Verhältnissen auf. Mag sein, dass die räumliche Nähe des Theaters, mit all den Zu- und Ausgängen der Bühne, der Schauspieler, Musiker und des festlichen Publikums, das Kind stark beeinflußte - jedenfalls liebte der Schüler schon Mozarts Musik und Schillers Dramen.

Im Deutschunterricht war ihm der Deutschlehrer Zimpel ein enormes Vorbild und schon im Gymnasium um 1883 - wohl in der Untersecunda - wollte Alfred Schriftsteller werden und den Namen "Alfred Kerr" annehmen. Grund dafür war, dass er nicht mit der populären Dichterin Friederike Kempner in Zusammenhang gebracht werden wollte. Er realisierte sein Pseudonym aber erst 1897 mit dem Kürzel: "A.K.".

Nach dem Schulabschluß ging er 1887 nach Berlin, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er begeisterte sich für die Dramen von Gerhart Hauptmann bei deren Uraufführungen im schlesischen Dialekt, wie z.B. "De Waber" oder "Dar Bibapelz".

Kerr verstand natürlich das Gebirgsschlesische und Hauptmanns Naturalismus besser als die Berliner. Ein Idol war ihm auch Henrik Ibsen, der in Gesellschaftsdramen die Brüchigkeit von Gesellschaftsmoral und "Lebenslüge" in allen Formen aufdeckte.

Als Student verfasste er erste Theaterkritiken. Er schrieb 5 Jahre für die heimatliche "Breslauer Zeitung" Berichte aus Kultur und Gesellschaft.

Ab 1900 wurde er die dominierende Stimme in Berliner Zeitungsfeuilletons und blieb es bis zur Machtergreifung Hitlers. Bis 1919 schrieb er für die Zeitung "Der Tag"(=Berliner Tag) und für das "Berliner Tageblatt", die "Frankfurter Zeitung" bis 1933 und 25 Jahre auch für die "Königsberger Allgemeine Zeitung", wobei Kerr das Berliner Theaterleben durch oft bissig-pointierte Theaterkritiken prägte. Daneben gab er seit 1911 eine Literatur-und Kunstzeitschrift "PAN" heraus. Er fühlte sich "besessen von dem Drang, Stellung zu nehmen". Der Kritiker war für ihn ein Wahrheitssager. - Sein Selbstbewußtsein dominierte in seinem Satz: "Dichter haben keine Sprachkraft. Sprachkraft ist in der Kritik."

Derjenige Dramatiker, Inspizient, Regisseur oder Intendant, der bei einer Uraufführung sein Lächeln hatte, wie z.B. Carl Zuckmayer im Jahre 1925 bei "Der fröhliche Weinberg", hatte auf den Brettern der Welt gewonnen. Man kann Kerr als Großkritiker der Weimarer Republik bezeichnen. - Nebenbei schrieb er auch seit 1897 bis 1922 für die "Königsberger Allgemeine Zeitung" eine Sonntagskolumne, "Berliner Plauderbriefe", als berühmt-berüchtigter "A.K.". 1000 Stück soll er für das ostpreußische Blatt geschrieben haben.

(Die Kerr-Biographin Deborah Vietor-Engländer hat in "Alfred Kerr: Die Biographie" (rororo-Verlag 2016) über seine Tätigkeit umfangreich berichtet). Anfang 1933 hatte sich Kerr mit den Nationalsozialisten publizistisch angelegt. Mit Glossen rief er im Berliner Rundfunk zur Bekämpfung der NSDAP auf, so dass ihn Goebbels rasch auf eine Schwarze Liste setzte.

Im Februar 1933 mußte er nach Prag fliehen, dann über die Schweiz nach Paris. Seine Frau, Tochter Judith und Sohn Michael flohen ihm nach. Im Exil schrieb er sogleich für diverse Zeitungen, aber fand nicht den erhofften Anklang. Für ein Filmdrehbuch über Napoleons Mutter war in Frankreich kein Interesse, so dass seine Familie verarmte.

Nach seiner Weiterflucht nach England konnte Kerr immerhin sein Drehbuch verkaufen und alsdann wenigstens seine Kinder nachholen. Schwer war es, weil er kein Englisch sprechen konnte, sodass die Familie in einem billigen Hotel in London leben mußte.

Aus dem Exil kritisierte er seinen einstigen Schützling und schrieb über Gerhart Hauptmann: "Sein Andenken soll verscharrt sein unter Disteln", da sich G.H. den Nazis angebiedert habe. Das war sehr emotional und unklug, denn der integre G.H. war ein weltbekannter Nobelpreisträger. –

Tochter Judith begann mit schriftstellerischer Arbeit und machte sich letztlich weltweit einen Namen. Seinen Sohn Michael liess A.K. Jura studieren, der später einer der obersten Richter Englands und geadelt wurde.

1941 wählte man "A.K." zum Präsidenten des P.E.N.-Clubs im Exil, aber erst 1947 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. 1948 kehrt er zu einer Vortragsreise nach Deutschland zurück. In Hamburg erlitt er nach einem Theaterbesuch einen Schlaganfall und konnte nicht mehr schreiben.

So setzte er mit Schlaftabletten am 12. Oktober 1948 seinem lange glänzendem, später verarmtem und doch wieder sich verbesserndem - wirklich so reichen - Leben ein Ende. In Hamburg-Ohlsdorf erhielt der große Schlesier Alfred Kerr seine letzte Ruhestätte.

Das "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" stiftet seit 1977 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik und alljährlich vergibt die von seinen Kindern gegründete "Alfred-Kerr-Stiftung" in Zusammenarbeit mit der Zeitung "Der Tagesspiegel" einen Preis für Nachwuchsschauspieler. –

Einige Buchtitel des Autors Kerr: "Die Harfe"(1917), "Die Welt im Drama"(1917), "Die Welt im Licht"(1920), "Der Krämerspiegel"(12 Gedichte vertont von R. Strauß; 1921), "O Spanien"(1924), "Caprichos" (1926), "Es sei wie es wolle"(1928), "Was wird aus Deutschlands Theater"(1932).

Wolfgang Liebehenschel, Schlesier aus Görlitz (Basisdaten aus: Brockhaus 1979; Der Tagesspiegel Berlin; Wikipedia; Preußische Allgemeine Zeitung v. 22.12.2017; eigene Recherchen)

Boleslaw Barlog zum 20. Todestag

Einer der größten deutschen Theater- und Filmregisseure war Breslauer

"Er war ein Genie. Es war großartig für eine passionierte Schauspielerin wie mich, mit ihm zu arbeiten", rief ihm Hildegard Knef nach.

Der Regisseur Boleslaw Barlog (genannt B.B.), einer der größten Theaterintendanten und Regisseure der deutschen Schauspielkunst, stammte aus Breslau ("Brassel"), wo er als Sohn eines Rechtsanwaltes am 28.März 1906 als Boleslaw Stanislaus Barlog geboren wurde.

Als seine Familie mit dem Kind nach Berlin umzog, vertraute sie den 3-Jährigen seinem Onkel an, der ihn fortan in der Goebenstraße 29 im Ortsteil Berlin-Schöneberg erzog. Seine mit ihrer Mutter in der Nachbarwohnung wohnende Spielkameradin war die kleine Herta Schuster, die im Leben von Boleslaw eine entscheidende Rolle spielen sollte - sie wurde 1939 seine Ehefrau. Er wächst hier auf und besucht die Schöneberger Volksschule im Tempelhofer Weg, wo er 1912 noch den "Eingang für Knaben" benutzen muss, wie er seinem Freund Wolfgang Holtz zeigte. Mit 11 Jahren geht er auf das Schöneberger "Körner-Gymnasium", eine Realschule, die er mit der "Mittleren Reife" ohne Abitur abschließt.

Infolge seiner Liebe zur Literatur und schon früh zum Theater absolviert er eine Buchhändlerlehre, ist zeitweise als Posthelfer tätig, gelangt als Theaterbesessener Ende der 20er Jahre, nach diversen Gelegenheitsjobs als "Regieassistent" volontierend, im Jahr 1930 in die bewährten Hände der Theaterregisseure Martin und Hilpert an der Berliner Volksbühne (die Volksbühne entstand 1899 während einer Gründungsversammlung des Vereins Freie Volksbühne), lernt auch Wilhelm Furtwängler kennen, der ihm die Musik näher bringt und mit dem ihn seitdem eine langjährige Freundschaft verbindet. 1932 oft schon arbeitslos, verlor B.B. 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten seine Stellung als Regieassistent gänzlich.

Er wird Bademeister am Großen Wannsee. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 heuert ihn das Olympia-Komitee der Reichshauptstadt wegen einiger von ihm hervorragend inszenierten Veranstaltungen an, wodurch er in der neu errichteten Waldbühne Zugang zum Film findet und schließlich 1937 erneut als professioneller Regieassistent bei der "Ufa" in Babelsberg unter den Regisseuren Helmut Käutner und Wolfgang Liebeneiner mitwirkt.

Bis 1941 dreht er als erste Kraft der Filmographie 12 Kino-Filme. Da sich Zeitzeugen erinnern können werden, seien diese genannt: (1937) Daphne und der Diplomat, (1938) Zwischen den Eltern, (1938) Kleiner Mann ganz groß, (1938) Das Mädchen von gestern Nacht, (1938) Was tun, Sybille, (1938) Das Verlegenheitskind, (1939) Ich bin gleich wieder da, (1939) Mann für Mann, (1939) Wer küßt Madeleine, (1939) Kitty und die Weltkonferenz, (1939) Der Stammbaum des Dr. Pistorius und (1941) Blutsbrüderschaft.

Zu Beginn dieser Erfolgsserie verlangte Josef Goebbels von ihm, dass er sich in den Filmen als "Berhard Barlog" vorstellt. B.B. konnte jedoch durchsetzen, dass er sich "B. Barlog" nennen darf.

In dieser Glanzzeit der vorgenannten Filme heiratete er 1939 im Standesamt Schöneberg und mit einer Hochzeitsfeier im Potsdamer "Klosterkeller" seine Jugendliebe Herta Schuster, die ihm, der ab 1941 selbständiger Regisseur ist, als Regieassistentin mit großer Kenntnis unterstützt und "den Rücken frei hält".

Als Regisseur drehte er bis 1945 weitere 7 große Filme, wie z.B."Junge Herzen" oder "Der grüne Salon" - harmlos als Liebes-, Familien- oder Porträtfilme - und war mit den Schauspielern vom Militärdienst befreit.

Nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" 1945 und der "Ufa", reifen erneut seine Theaterideen. Politisch unbelastet und mit Energie steigt er mit 39 Jahren - jetzt im Amerikanischen Sektor in Berlin-Lichterfelde, Jägerndorfer Straße 5, wohnend - mit US-Lizenz wieder ins Theaterleben ein und trägt so seit Kriegsende im zertrümmerten Berlin zum Wiederaufbau der Theaterlandschaft durch Aufführungen in alten Kinos bei. Er wird im Herbst 1945 - mittels eines Darlehns von 40.000 Reichsmark (=Papiermark) als Anfangskapital seitens des Berliner Volksbildungsstadtrates - nach Wiederherstellung des schwer bombardierten "Schloßpark-Theaters" in Berlin-Steglitz als Intendant tätig. Er eröffnet die Spielstätte im November 1945 als Kammerspieltheater mit der Komödie "Hokuspokus" von Curt Goetz. Sogleich folgt "Ein Spiel um Liebe und Tod" von Romain Rolland, in dem die junge Hildegard Knef ihr Nachkriegsdebüt gibt. Fast jeden Abend wird ein anderes Stück - Drama, Komödie oder Singspiel - aufgeführt. Auch die Sowjets in Ost-Berlin akzeptieren seine künstlerische Kreativität.

Zusätzlich übernahm B.B. im Jahr 1950 - nach der Wiedererrichtung des Schiller-Theaters als Neubau anstatt der Ruine - die Intendanz des Theaters in Charlottenburg. Dieses hatte bis 1945 der berühmte Heinrich George geleitet.

Barlogs Tatkraft, die eines "Breslauer Kindes" - wie er sich auch selbst als "Brassler Lärje" einmal bezeichnet haben soll - , gepaart mit "Mut und Behutsamkeit"(Walter Jens), läßt die zertrümmerte und 1961 eingemauerte Weststadt Berlins - Westberlins - bald zu einem Mekka der Schauspielkunst werden. Vor dem Mauerbau inszeniert und spielt er in fast allen Theatern Berlins, sei es das Renaissance-Theater, die Deutsche Oper, das Theater des Westens, das Hebbel-Theater, die Staatsoper, die Volksbühne, das Theater am Zoo, die Schaubühne oder der Admirals- oder Titania-Palast.

Ab 1963 erhält er den Titel "Generalintendant der Städtischen Bühnen". Er steht im Zenit seines Lebens und Schaffens. In seiner Zeit bis zu seinem nicht ganz freiwilligen Abschied im Jahre 1972 inszenierte er mehr als 100 Stücke.

Neben den Häusern in Berlin bespielt B.B. auch die großen staatlichen und städtischen Schauspielhäuser in Salzburg, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Frankfurt/Main, Mannheim, München, Wien und Stuttgart mit 14 großen Opern, wie La Bohème (Puccini), Die lustigen Weiber von Windsor (Nicolai), Don Giovanni und Die Entführung aus dem Serail (Mozart), Die heimliche Ehe (Cimarosa), Rigoletto (Verdi), Tosca (Pussini), Manon Lescaut (Puccini), Salome (R.Strauß), Don Pasquale und Lucia di Lammermore (Donizetti). Er bringt es seit 1945 bis 1972 auf über 38 Theaterinszenierungen.

Fast alle größeren Schauspieler seiner aktiven Zeit hat er entweder debütieren sehen oder aus ihnen "etwas gemacht". Dazu gehörten Martin Held, Carl Raddatz, O.E. Hasse, Hildegard Knef, Käthe Dorsch, Hans Söhnker, Erich Schellow, Harald Juhnke u.a.m. Gut kannte er die Niederschlesier Werner Fink, Dieter Hildebrandt, Ludwig Manfred Lommel und auch Willy Schäffers. –

Nach 1972 wendet er sich engeren Freunden zu. Da das kinderlos gebliebene Ehepaar Boleslaw und Herta Barlog schon 1948 aus der Jägerndorfer Zeile in den Spindelmühler Weg 7 umzieht, aber erst 1972 ein wenig zur Ruhe kommt, finden Barlogs auch in der Nachbarschaft gute Freundschaft.

B.B. reist viel in und durch die DDR in Begleitung eines neben dem Ehepaar Barlog im Spindelmühler Weg 5 in Lichterfelde wohnenden Freundespaares Wolfgang und Wilma Gütgemann-Holtz u.a. zum Haus Wiesenstein seines im Jahr 1946 verstorbenen schlesischen Freundes und Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann in Agnetendorf/Schlesien oder ein anderes Mal über Rügen nach Hiddensee zum Grab von Gerhart Hauptmann und von Regisseur Walter Felsenstein. Ähnliche Fahrten gingen zu den Wirkungsstätten von Goethe- und Schiller nach Weimar, von Achim und Bettina v. Arnim nach Wiepersdorf, von Barlach nach Güstrow und in den Spreewald, nach Cottbus zum

Jugendstiltheater des Architekten Bernhard Sehring - alles noch in der DDR-Zeit vor 1989.

In seine Villa kamen berühmte Gäste, wie Gustav Gründgens's Frau Marianne Hoppe, Carl Zuckmeyer, August Scholtis, Max Frisch, Samuel Beckett, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Herbert v. Karajan und andere Kultur-Größen. Eine Ansichtskarte von Vaclav Havel an B.B aus Prag mit einem dicken roten Herz und einem Pfeil zur Briefmarke trägt den Gruß: "Früher saß ich im Gefängnis, heute steh ich auf der Briefmarke."

Auch nach 1990 besucht er per PkW der Nachbarn Holtz viele Orte großer Dichter und Denker im ferneren Umkreis von Berlin.

Als der 'Altmeister in Pension' im Jahr 1993 bemerkt, dass der Senat im Juni beschließt, "Die Schaubühne" zu schließen, appelliert er noch im September "auf den Knien meines Herzens" an die Abgeordneten: "Verhindern Sie mit Ihrer Stimme den geplanten Doppelmord an meinen Ziehkindern." Doch vergeblich.

Der von Arthrose geplagte 90-Jährige erlebt im Jahr 1996 in "seinem" nunmehr verpachteten Schloßpark-Theater noch eine immense öffentliche Ehrung, wobei allerdings der Senator für Kultur fernbleiben muss. Die Laudatio-Veranstaltung mit Ehren-Empfang gestalteten am 31.März 1996 Herbert Sasse, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, und der Präsident der Akademie der Künste, Walter Jens. In seinem großen Geburtstags-Zelt im Hausgarten erschienen u.a. Carl Raddatz, Marianne Hoppe, Horst Buchholz, Horst Bollmann, Stephan Wiggert, Rolf Henninger, Heribert Sasse, Gudrun Genest, Helmut Wild und Regina Lemnitz.

Meist ist auch seine Nachbarfreundschaft Ehepaar Holtz dabei, auch wenn es im Garten etwas zu graben, zu jäten oder zurückzuschneiden gab. Innige Freundschaft verband Frau Wilma Holtz mit der immer um B.B. besorgten Herta Barlog bis zu ihrem Tode im Jahre 2006. Lieb rief sie oft nach "Wilmalein". Das Kartoffelfest 1998 nach schlesischem Brauch mit Bücherverkauf im Garten der Holtz's war u.a. so ein Freundschafts-Signum.

Hochgeehrt starb Boleslaw Barlog - fast 93-jährig - am 17. März 1999 in der Stadt, für die er Theatergeschichte geschrieben hat und die ihm durch Hunderte von Kulturwerken und -werten seiner schlesischen Wurzeln - wie z.B. das Brandenburger Tor des Breslauer Architekten C.G. Langhans oder des Plesser Architekten J.C. Raschdorffs

Berliner Dom oder schlesischer Künstler, wie Ludwig Kowalski, Adolf v. Menzel, August Kiss, Renè Sintenis, Baluschek, Mueller u.a.m. - die nötige "Nestwärme" für sein enorm kreatives Schaffen boten.

Wollen "wir Schlesier", besonders die Breslauer, seiner Persönlichkeit am 20. Todestag, dem 17. März 2019, in Würde gedenken. Sein Ehrengrab an der Seite seiner Frau liegt auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof in Berlin-Nikolassee.

Als ein besonderes Werk schrieb er "Theater lebenslänglich", das im Verlag Universitas, München 1981 (ISBN 3-8004-1003-6) erschienen war. - B.B. war auch Mitautor an dem Buch "Die letzten und die ersten Tage: Berliner Aufzeichnungen 1945", Hessling Verlag Berlin 1966.

Recherche: Wolfgang Liebehenschel, Berlin-Zehlendorf; Literatur: "Menschen in Berlin- Schicksale bekannter und unbekannter Persönlichkeiten aus dem letzten Telefonbuch der alten Reichshauptstadt 1941", Verf. Hartmut Jäckel, Verlag Bastei Lübbe; Enzyklopädie: Google "Wikipedia" Boleslaw Barlog, Breslau, Berlin, Regisseur; "In guter Nachbarschaft mit Herta und Boleslaw Barlog", Verf. Wilma Gütgemann-Holtz, Berlin-Lichterfelde, Jg. 2018, Seiten 175 - 180. Fotos: Wolfgang Holtz, Berlin-Lichterfelde, Jg. 2019; Gespräche: Erzählungen seines Freundes Wolfgang Holtz - meines Bekannten, in 2018/19.

Eine Würdigung der Breslauerin Käthe Kruse anläßlich ihres 135. Geburts-und ihres 50.Todestages im Jahre 2018 - Die international berühmteste "Puppenmutter" stammt aus Schlesien

Wenn wir der berühmten Breslauerin Käthe Kruse anläßlich runder Lebensdaten würdig gedenken wollen, dann finden wir z.B. im Brockhaus von 1979 nur die Eintragung "Käthe Kruse, Kunsthandwerkerin, Frau des Bildhauers Max Kruse, (*Breslau 17. 9. 1883, + Murnau 19. 7. 1968), schuf individuell gestaltete Puppen aus Stoff." - Nichts weiter!

Das Leben dieser herausragenden schlesischen Künstlerin und Puppenmacherin, die als eine große deutsche Persönlichkeit Weltgeltung besitzt, bedarf jedoch einer ausführlicheren Ehrung.

Käthe Kruse wurde 1883 als uneheliche Tochter der evangelischen Christiane Simon, einer Schneiderin, und des Stadtkassenhauptbuchhalters Robert Rogaske als Katharina, Johanna, Gertrud Simon in Dambrau bei Breslau geboren. Ihre Mutter war die Tochter des Bauern Simon zu Laskowitz bei Ohlau, der 1866 schon jung gestorben war. Ihre Kindheit und Jugendzeit war durch Not und Mangel geprägt, eher entbehrungsreich, als gediegen kleinbürgerlich. Ihre Mutter musste sich durch Näharbeiten den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind mühsam verdienen.

Käthe bastelte sich selbst kleine Spielzeugpüppchen. Sie besuchte die Mittelschule, wo ihr schauspielerisches Talent entdeckt wurde. Sie nahm hiernach Schauspielunterricht und bekam schon im Jahre 1900, mit gerade 17 Jahren, im Berliner Lessingtheater ein Zweijahres-Engagement. Unter dem Künstlernamen 'Hedda Somin' trat sie bei Gastspielen des Theaters in mehreren deutschen Städten auf und debütierte auch in Warschau und Moskau mit beachtlichen Erfolgen. In dieser Zeit kreierte sie eine Besonderheit: "Käthe's Schmusetuch".

Sie lernte ihren um 29 Jahre älteren Mann, den Berliner Bildhauer Max Kruse (*1854, + 1942) kennen und heiratete ihn im Jahre 1902. Hierdurch wurde sie die Stiefmutter einer 1889 geborenen Annemarie, die später Kunstmalerin wurde. Ihre Bühnenlaufbahn gab sie sogleich auf Drängen ihres Mannes auf, um sich der Gründung einer Familie zu widmen und gebar 1902 eine erste Tochter Maria Speranza. Dieser folgten noch zwei weitere Töchter und vier Söhne. Erste glückliche Ehejahre verbrachte sie in der Schweiz und Italien.

Ihr Mann animierte sie, für ihre Kinder Spielpuppen selbst zu basteln, die aus sandgefüllten Handtüchern bestanden. Experimentierend begann sie, ihren kleinen Puppen festere Formen zu geben und wurde, wie sie später schrieb, "ganz besessen von der Aufgabe, Puppen zu machen", künstlerisch gestaltete "Puppen zum Liebhaben", dem lebenden Körper nachgebildet. Das fesselte sie immer mehr und sie beobachtete an ihren eigenen Kindern, die sie als Modelle betrachtete, die Gliederbewegungen und die Gesichter. Ihre Püppchen, kleine Mädchen und Jungen, sollten bei den Kindern echte Gefühle für Brüderchen und Schwesterchen hervorrufen.

Die Balge wurden mit Watte ausgestopft und mit Nesselstoff überzogen, die Gesichtchen modelliert und mit Ölfarbe überstrichen, bewegliche Glieder angefügt und die Köpfe mit Fixativ überstrichen. Somit wurden die Puppen unzerbrechlich und abwaschbar.

Im Jahr 1910 hatte die inzwischen um zwei Töchterchen (Sofia 1904, Johanna 1909) reicher gewordene Käthe in einer Ausstellung ihrer Puppen auf einer Art Messe "Spielzeug aus eigener Hand" im Berliner Kaufhaus Tietz sensationellen Erfolg. Bedingt durch eine in den Jahren zuvor - noch im Kaiserreich unter Wilhelm II. - in Münchener Künstlerkreisen ausgelöste Puppen-Reform, die sich gegen industrielle Massenware und gleichförmige Stilisiertheit richtete, traf Käthe diesen neuen Trend der individuellen Spielpuppe.

Käthe Kruse wurde schnell bekannt und erhielt viele Aufträge. Bereits 1911 erhielt sie einen Auftrag aus den USA für 150 Puppen und wurde Unternehmerin. Probleme gab es in der Zusammenarbeit mit der Spielzeugindustrie wegen angeblicher "nicht befriedigender Ausführung". Die an diese inzwischen verkauften Urheber-Rechte kaufte sie zurück und richtete in ihrer Berliner Wohnung eine Werkstatt ein.

Für die Produktion der Puppen, die 52 cm groß waren, brauchte sie 42 Stunden, knapp 1 Woche. 1912 verlegte sie ihre Produktionsstätte nach Bad Kösen, wo sie bald ca. 120 ungelernte Arbeitskräfte beschäftigte. Einige Kreationen ließ sie sich patentieren, was damals für Spielpuppen umstritten war. In Größen von 25 - 52 cm für jede Alterstufe entwickelte sie Puppen. Zwischendurch gebar sie noch ihre Söhne Michael 1911, Joachim 1912, Friedebald 1918 und Max 1921. Für die Säuglingspflege schuf sie lebensnahe Babypuppen, genannt "Träumerchen", die in der Mütter- und Kinderschwesternschulung großen Anklang fanden.

Seit 1929 bekam eine Serie der Exponate handgeknüpfte Perücken. Jährlich wurden 15000 bis 18000 Puppen hergestellt, die in die USA, die Schweiz, nach Schweden und Holland exportiert wurden. Auch nach dem 1.Weltkrieg kam bald das Geschäft wieder in Schwung.
1925 billigte ihr das Weimarer Reichsgericht den "künstlerischen Urheberrechtsschutz" zu. Um 1930 nahm sie die Produktion von gliederbeweglichen, künstlerischen Schaufensterpuppen auf, die eine Flut interessanter Fenster-Dekorations-Gestaltungen auslöste.

Während des Hitlerregimes verhielt sie sich bürgerlich und politisch bedeckt, da sie stets Zeitmangel vorgab. Ihr Ehemann geriet in die Gefahr des Verbotes seines künstlerischen Schaffens, da er u.a. Porträtbüsten von Max Liebermann, Walter Leistikow und Friedrich Nietzsche schuf und für Max Reinhardt Bühnendekorationen entwarf. Von der Reichskulturkammer wurde sie wegen der bildhauerischen Arbeiten ihres Mannes kritisch beäugt. Schweres Leid traf die Familie der Käthe, weil ihr Mann 1942 starb und zwei ihrer Söhne, Joachim und Friedebald, im Jahre 1943 sowie der Sohn ihrer Stieftochter, Erasmus von Jakimow, 1944 als Front-Soldaten fielen.

Inzwischen hatte die Breslauerin legendären Ruf. Nach dem 2.Weltkrieg setzte sie mit Genehmigung der SMA in Bad Kösen ihre Puppenproduktion fort. Auf mehreren Ausstellungen erzielte sie Preise und Auszeichnungen. Das DDR-Regime neidete ihre großen privatwirtschaftlichen Erfolge, enteignete 1950 die Werkstätten und wandelte sie in einen "Volkseigenen Betrieb" um. Sie floh mit einigen Kindern und Mitarbeiterinnen in den Westen und errichtete in Donauwörth ein neues Unternehmen, die "Käthe-Kruse-Puppen-GmbH".

Sie integrierte die zwei ähnlichen Firmen der Söhne Michael und Max in ihr Unternehmen. An der Leitung war sie mit ihren Kindern noch bis 1957 beteiligt. Da sich der Absatz der Puppen zunächst nicht gut entwickelte, musste sie 70% des Betriebskapitals an die WASAG-Puppenfirma "Schildkröt" (Chemiekonzern) abtreten. Am 19.Juli 1968 starb die künstlerisch begabte Unternehmerin, ohne zu erleben, dass 1976 die Familie Kruse die Anteile zurückerwerben konnte, um die Tradition der in Handarbeit gefertigten Puppen fortzusetzen. Von nun an produzierte die "Käthe Kruse-Puppen-GmbH" mit mehr als gut 100 Beschäftigten etwa 15.000 Puppen jährlich, die im In- und Ausland verkauft wurden. Der Umsatz stieg 1979 auf 3 Millionen DM.

Das belegt, wie die engagierte und künstlerisch begabte große Schlesierin - trotz der schwer belastenden, zweifach erlebten Kriegszeiten und der kalten Enteignung ihres selbst mühsam und jahrzehntelang aufgebauten Betriebes im DDR-sozialistischen Köthen/Sachsen-Anhalt - bei erneuter freier Entfaltungsmöglichkeit - aus eigener Kraft zu einer menschlich enormen Höchstleistung aufstieg, die auch infolge ihrer Treue zu ihrer ursprünglichen Konzeption, durch Kopf-und Handarbeit ihre berühmten Puppen herzustellen, für ihre schlesischen Wurzeln, ihre unverleugnete Identität, ihr Durchhaltevermögen und den Glauben an ihre gute Sache spricht.

Ihre unternehmerische Kraft kam wohl aus ihren notgeprägten Jugenderlebnissen im Breslau der Kaiserzeit, wodurch Käthe Kruse zu ihrem hohen internationales Ansehen gelangte, das unauslöschlich und weltweit bekannt mit den hervorragenden Kulturleistungen deutscher schlesischer Erfinder und schöpferischer Kulturmenschen verbunden bleiben wird.-

Wolfgang Liebehenschel, Berlin, früher Görlitz/Niederschlesien

Rente bedeutet nicht Ruhestand

Ira – typisch schlesisch

2002 war der BdV-Landesverband/Sachsen schlesische Lausitz in Insolvenz geraten. In Räumen der CDU trafen sich BdV-Mitglieder, die trotz der Insolvenz die Vertriebenenarbeit weiterführen wollten. Eine zierliche schwarzhaarige Frau mit kurzen Haaren fiel mir sofort auf, weil sie mich an meine jüngere viel zu früh verstorbene Schwester erinnerte.

Die meisten Teilnehmer haderten mit der Vergangenheit des Landesverbandes und den Gründen, die zu der Insolvenz geführt hatten. Nicht so die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren. Sie machte Vorschläge, wie die Verbandsarbeit trotz der Insolvenz weitergeführt werden kann. Dabei argumentierte sie sehr nüchtern und stringent. Ich dachte mir, das ist keine gemütliche Ostpreußin. Bestimmt ist sie Naturwissenschaftlerin oder Schlesierin. Ob meine Annahme richtig war, konnte ich zunächst nicht feststellen. Ich erfuhr zumindest, dass sie im Sozialministerium gearbeitet hatte. Diese Information freute ich mich; denn damals arbeitete ich im Wissenschaftsministerium. Bei Sitzungen und in der Kantine war ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch gekommen. Fast die Hälfte hatte Wurzeln in den ostdeutschen Heimatgebieten. Aber die wenigsten waren bereit, sich für ihre Herkunft zu engagieren. Kollegen wie der Sudetendeutsche Dr. Heinrich Douffet blieben eine Ausnahme.

Zunächst traf ich die Frau nicht wieder. Damit hatte ich auch nicht unbedingt gerechnet. In Sachsen gibt es viele verschiedene Vertriebenenorganisationen. In der Regel gliedern sie sich nach der landsmannschaftlichen Herkunft. Meine Familie stammt aus dem Posener Land. Die Angehörigen “meiner“ Landsmannschaft, der LWW, kannte ich natürlich. Ich war daher sicher, dass sie nicht aus dem Posener Land stammt.

Trotz der Insolvenz des BdV-Landesverbandes führten die Orts-und Kreisgruppen die Arbeit weiter, ebenso die Landesgruppen der Landsmannschaften. 2009 begann mit Hilfe der Innenminister Dr. Albrecht Buttolo und Markus Ulbig die Einrichtung des Hauses der Heimat in Reichenbach bei Görlitz / schlesischen Lausitz. Für das Haus wurde Ende 2009 ein Trägerverein gegründet. Dieser Verein sollte auch anstelle des insolventen BdV-Landesverbandes die landesweite Arbeit organisieren.

Bei der Gründungsveranstaltung des Vereins traf ich die zierliche schwarzhaarige Frau wieder. Wir kamen ins Gespräch. Sie hatte sich in der Vergangenheit zusammen mit ihrem Mann um andere Projekte gekümmert, unter anderem um einen Schülerwettbewerb, die Erarbeitung der Wanderausstellung “Unsere neue Heimat – Sachsen“ mit Erlebnisberichten von Vertriebenen und Spätaussiedlern über Flucht, Vertreibung und Zwangsdeportation sowie die Integration in Sachsen. Nach Erstellung dieser Ausstellung betreute sie gemeinsam mit ihrem Mann die Ausstellungsöffnungen durch Vorträge im gesamten Freistaat. Außerdem begleitete sie den Aufbau des Hauses der Heimat.

Nun konnte ich feststellen, dass meine Einschätzung richtig war. Die energische Frau, Irmtraut Schirotzek, war tatsächlich Schlesierin und von Beruf Lebensmittelchemikerin. Am 11.5.1939, heute vor 80 Jahren, wurde sie in Glogau, der Stadt von Andreas Gryphius, geboren. Durch Flucht und Vertreibung kam sie nach Sachsen. Nach dem Erreichen des Rentenalters trat sie nicht in den Ruhestand, sondern in den Landesvorstand der Landsmannschaft Schlesien ein. 14 Jahren von 2004-2018 gehörte sie diesem Gremium an.

Auch in dem neu gegründeten Verein "Erinnerung und Begegnung" übernahm sie sofort wieder Aufgaben. Von Mai 2011 bis Dezember 2018 leitete sie zusammen mit ihrem Ehemann, Professor Dr. Winfried Schirotzek, den Ausbau des Hauses der Heimat. Dazu gehörten nicht nur museologische Aufgaben, sondern die Eheleute führten auch Besuchergruppen, insbesondere viele Schulklassen, die vor allen Dingen der Ostpreuße Kurt Weihe aus Limbach Oberfrohna in das Haus der Heimat führte.

Ihre wichtigste und zeitlich aufwändigste Arbeit war die Sammlung von Zeitzeugenberichten über Flucht und Vertreibung sowie die Zwangsdeportation der Deutschen in Russland nach Sibirien. Ihre Arbeit beschränkte sich nicht auf die Archivierung der eingereichten Berichte. Ein großer Teil der Berichte wurden ohne genaue Orts-, Zeit- oder Namenangaben eingereicht. Irmtraut - genannt Ira - Schirotzek musste die fehlenden Angaben recherchieren. Oft stimmten die Adressen nicht mehr oder die Zeitzeugen waren verstorben. Also mussten sie zunächst die Angehörigen ermitteln, die die fehlenden Informationen liefern konnten. 2017 war diese Arbeit dann soweit abgeschlossen, dass unser Freund Mario Morgner aus Rodewisch im Vogtland die Berichte für eine Präsentation im Internet aufbereiten und in ein Internetportal stellen konnte. Es war das erste Internetportal zu diesem Thema. Wenn man alle Arbeitsstunden, die Irmtraut Schirotzek und Mario Morgner für diese Aufgabe ehrenamtlich geleistet haben, zusammenrechnet, kommt man auf insgesamt mindestens 2 Arbeitsjahre.

Die Verdienste von Irmtraut Schirotzek und Prof. Dr. Winfried Scchirotzek wurden daher mit der goldenen Ehrennadel des BdV-Bundesverbandes gewürdigt, die beiden am 13. April diesen Jahres in würdiger Form überreicht wurde.
Eine verdiente Persönlichkeit zu würdigen, ist immer schwer. Der Laudator ist sich nie sicher, ob er alle Verdienste erwähnt hat. Auch ich bin mir nicht sicher. Einen besonderen Verdienst, der in der Begründung für die Verleihung der goldenen Ehrennadel nicht gewürdigt werden konnte, möchte ich zum Schluss herausstellen. Irmtraut Schirotzek hat sich nicht wie viele Intellektuelle auf die “anspruchsvollen“ Aufgaben beschränkt. Sie ist immer, wenn Bedarf war, eingesprungen. Mussten plötzlich Brötchen geschmiert, Tassen abgewaschen, Bücher verkauft oder Briefumschläge adressiert werden, war sie dabei, ohne “kluge" Ratschläge über eine bessere Arbeitsorganisation oder andere "hilfreiche" Tipps zu geben. Sie stand nie daneben, sondern immer dazwischen. Sie handelt immer wie eine Preußin.

Freital im Mai 2019

Friedrich Zempel

Die Vertreibung der Ungarndeutschen

Von Heinz Noack


Die Vertreibung aus Ungarn als Sonderproblem

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, den der Verbrecher Hitler angezettelt hatte, kam es zu einer großen Menschenbewegung auf den Straßen und Schienenwegen Europas. Insgesamt 14 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat, sie waren geflohen oder wurden nach Kriegsende vertrieben. Die meisten dieser Menschen kamen aus den sogenannten Ostgebieten wie Schlesien, Ostpreußen, dem Sudetenland und Pommern. Rund eine Million der Vertriebenen und Flüchtlinge wurden vom Land Sachsen aufgenommen. Darunter befanden sich auch 50.000 Deutsche (Donauschwaben), die aus Ungarn vertrieben wurden, aber über deren Schicksal relativ wenig bekannt war und auch noch ist. Das Schicksal der vertriebenen Ungarndeutschen, die zu DDR-Zeiten Umsiedler genannt werden mussten, unterscheidet sich schon von den anderen Vertriebenen. Wer die ungarische Geschichte kennt, kann auch die Stellung der Ungarn zu den heutigen Problemen Europas aus einem anderen Blickwinkel sehen.


Die Entstehung und der Aufstieg des ungarischen Königreichs

Die eigentliche Heimat der Magyaren (Ungarn) liegt im heutigen Baschkieren, im Gebiet des südwestlichen Urals. In der vorletzten Welle der Völkerwanderung verschlug es sie in das fruchtbare Karpatenbecken, welches hervorragende Bedingungen für die Landwirtschaft und Viehzucht bot.

Dabei bilden die Ungarn, die sprachlich nur mit den Finnen verwandt sind, ein selbstständiges Volk, welches mit den anderen Volksgruppen in keinerlei Beziehungen steht. Im Jahre 895 begannen sie mit sieben Stämmen das Karpatenbecken zu besiedeln. Eine der Bedingungen zur Gründung eines Staates, die im Jahre 1000 von dem Großfürsten Stephan Geza vollzogen wurde, war das Bekenntnis zum Christentum. Der Papst sandte zur feierlichen Krönung die Krone, die heute noch im Parlament in Budapest zu bewundern ist. Zu diesem Zeitpunkt siedelten bereits 200 000 Deutsche in der Region. Das ungarische Königsreich war oft den Angriffen aus dem Osten ausgesetzt, galt es doch als Vertreter der westlichen Weltordnung. Das Ungarische Königsreich gehörte zu den stabilsten Monarchien und bot über das ganze Mittelalter hinweg günstige Möglichkeiten für eine friedliche Entwicklung.


Die Osmanen erobern Ungarn

Der Ungarnkönig Matthias Corvinius setzte mit dem Bau der Ortenburg in Bautzen ein Zeichen seiner Macht. Im Falle des ungünstigen Ausgangs der Türkenkriege sollte Bautzen sein Regierungssitz werden. Zu einem Besuch der Stadt kam er durch seinen frühen Tod nicht mehr.

Eine ganz schlimme Zeit kam auf das Land durch die Türkenherrschaft (1526- 1699) zu. Ganze Landstriche wurden entvölkert und ausgeraubt, die osmanischen Soldaten scheuten sich nicht vor den schlimmsten Verbrechen. Dies hat man in Ungarn noch nicht vergessen.


Die Ansiedlung der Donauschwaben nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft

Nachbildung einer Ulmer Schachtel
Nachbildung einer Ulmer Schachtel

Erst nach den Kuruzenkriegen kam es 1711 zum Frieden von Sathmar, der Ungarn eine Sonderstellung einräumte und die Grundlage für die Habsburgermonarchie mit der Ansiedlung deutscher Kolonisten schuf. Diese wurden ins Land gerufen, um die von den Türken befreiten Gebiete wieder aufzubauen. Diese kamen in drei so genannten Schwabenzügen. Die Vorfahren der Donauschwaben fuhren mit ihren "Ulmer Schachteln" genannten Kähnen auf der nicht ungefährlichen Donau in ihre neue Heimat. Es waren überwiegend Menschen aus dem übervölkerten Baden-Württemberg und Hessen, wo die wirtschaftliche Lage schlecht war. So hatten die Werber ein leichtes Spiel, um die Menschen zur Auswanderung zu bewegen. Die Neusiedler waren 5 Jahre vom Steuerzahlen befreit, sie bekamen Land, Holz zum Hausbau und Saatgut für die Felder. Die deutschen Kolonisten brachten ihrerseits Kenntnisse und Erfahrungen in der modernen Landwirtschaft mit, wie die Felddüngung, den Fruchtwechsel und führten schwere Eisenpflüge ein, die tieferes Pflügen ermöglichten. Ihr Fleiß, ihre Sparsamkeit und ihr ausgeprägtes Eigeninteresse brachten ihnen den wirtschaftlichen Erfolg und das Ergebnis war eine anhaltende Agrarkonjunktur. Die Baranya und die Tolna entwickelten sich zum Schmuckkästchen Ungarns. Die Schwaben lebten mit den Ungarn friedlich nebeneinander und akzeptierten sich gegenseitig, da sie dem Christentum angehörten.


Ungarn in der Doppelmonarchie

Landkarte Ungarns nach dem 1. Weltkrieg
Landkarte Ungarns nach dem 1. Weltkrieg

Es folgte von 1699-1918 die Zeit, zu der Ungarn zur Habsburger- Monarchie gehörte. So verlief das 18. Jahrhundert mit einem allmählichen wirtschaftlichen Aufschwung ohne spektakuläre Entwicklungssprünge ab. Als im 19. Jahrhundert der revolutionäre Sturm durch Europa fegte, kam es zum Aufstand, der durch das Eingreifen der zaristischen russischen Armee 1849 niedergeschlagen wurde. Die beiden Reichshälften hatten mit Wien und Budapest ihre eigenen Hauptstädte. Noch heute kann man mit Ehrfurcht die in dieser Zeit entstandenen Prachtbauten bewundern. Der 1. Weltkrieg brachte den Untergang der Monarchie und Ungarn verlor 73% seines Landes an die benachbarten Nachfolgestaaten.

Aus den verloren gegangenen Gebieten strömten nun die Flüchtlinge ins stark verkleinerte Land. Die Infrastruktur funktionierte nicht mehr, Budapest erwies sich als Hauptstadt zu kopflastig, die Handelsbeziehungen waren schlecht und das Land musste hohe Reparationskosten zahlen. Das Trauma von Trianon ist bis heute noch nicht überwunden und spielt in der jetzigen Politik eine nicht zu unterschätzende Rolle.


Ungarn im 2. Weltkrieg

Der überforderte Reichsverweser Miklos Horty ging gezwungenermaßen ein verhängnisvolles Bündnis mit Hitler ein. Ungarn erhielt sichere Absatzmärkte und die verloren gegangenen Gebiete zurück und viele Menschen siedelten wieder zurück. 1941 gab es in Ungarn eine Volkszählung, die nach Ende des 2. Weltkrieges böse Folgen für zahlreiche Ungarndeutsche haben sollte. Das Bündnis mit Hitler brachte einen kurzfristigen Aufschwung. Bald darauf wurden die jungen Burschen ins Militär gepresst und sie bekamen das verhängnisvolle Zeichen unter die Schulter gebrannt. Ab 1944 kam es zu Zwangsrekrutierungen zur Waffen SS. Die Betroffenen waren keine Verräter, sondern meist unglückliche ausgelieferte Opfer. Durch die Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht am 19. März 1944 kam es zu einem radikalen Wandel zwischen den Schwaben und den Ungarn. Aus traditionellen Freunden wurden die Deutschen zu gehassten Feinden und allesamt zu Kollaborateuren des Naziregimes abgestempelt. Die ungarische Regierung hatte das Volk in den Krieg getrieben und das Ungarndeutschtum an die SS ausgeliefert. So wurde die Volksgruppe der Ungarndeutschen im Ergebnis des 2. Weltkrieges zum Spielball der Weltpolitik.


Die Vertreibung der Ungarndeutschen nach dem 2. Weltkrieg

Die Vertreibung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn erfolgte nicht auf Bestimmungen der Potsdamer Konferenz, sondern die 3 genannten Länder hatten den Antrag auf eine geordnete Rückführung gestellt. Einige der wenigen noch lebenden Zeitzeugen haben Kenntnis von einer willkürlichen Vertreibung, die das hässliche Gesicht von Raub, Demütigung und Vergewaltigung trug. Nicht unerwähnt darf die Tatsache bleiben, dass noch während des Krieges im Dezember 1944 ein Geheimbefehl der Sowjets erging. Dieser besagte, dass alle arbeitsfähigen Männer im Alter von 17- 45 Jahren und Frauen im Alter von 18- 30 Jahren zum Wiederaufbau der Kohleindustrie im Donbass und der Eisenindustrie im Süden des Landes verschickt wurden. Die Politoffiziere des KGB leisteten ganze Arbeit und so konnte der berüchtigte sowjetische Innenminister Leonij Pavlavitsch Berija bereits am 15. Februar an Stalin Vollzug vermelden. Von der Deportation waren 61.375 Männer und 51.105 Frauen betroffen.

Zum Kriegsende kam es für die Ungarndeutschen zu einer schlimmen Situation. Die wehrhaften Männer kamen in mehrjährige Gefangenschaft (Kaukasus und Sibirien). Die Menschen, die sich bei der Volkszählung für Ungarn entschieden hatten, durften im Land bleiben. Dazu zählte auch der weltbekannte Fußballer Ferenc Puskas, der seinen Namen Purczeld magyarisierte. Die Zeit bis zur organisierten Vertreibung nach der Enteignung mussten die Menschen in ungeheizten Presshäusern leben oder kamen bei Verwandten unter, bis sie den aus dem Ausland zurück strömenden Ungarn weichen mussten. Die Familien wurden zerrissen und das Deutsche Rote Kreuz leistete hier eine beispielhafte Arbeit in der Familienzusammenführung. Laut Regierungsbeschluss mussten 400.000 Betroffene in kürzester Zeit das Land unter Mitnahme von nur 20 kg Lebensmittel und 80 kg Hausrat verlassen.

Das ungarndeutsche Dorf Kakasd
Das ungarndeutsche Dorf Kakasd


Die Aufnahme in Deutschland

150.000 kamen in die amerikanische Zone. Vom August 1947 bis zum Juni 1948 wurden 50.000 Donauschwaben in verplombten Viehwagen in 32 Transporten in die Sowjetzone gebracht.

Die erste Station der in die DDR abgeschobenen Ungarndeutschen auf deutschem Boden war Pirna. Hier traf am 22. August 1947 der erste verplombte Güterwagenzug ein. Am 13. Juni 1948 hatte diese Verschleppungsaktion ihr Ende. Nach einer Quarantänezeit wurden dann die Heimatlosen auf verschiedene Lager nach ihrer Arbeitsfähigkeit verteilt. Drei Transporte wurden direkt von Pirna nach Hoyerswerda umgeleitet. Nördlich von Hoyerswerda im kleinen Nardt, welches die Nazis in Elsterhorst umbenannt hatten, wurde 1938 begonnen, ein Lager zu errichten und welches bis Kriegsende als Gefangenenlager verwendet wurde. Die „Umsiedler“ wurden dann auf das Land aufgeteilt. Der größte Teil kam in den Uranbergbau bei Zwickau, der Rest in die Umgebung von Leipzig, in den Kreis Meißen und in die Oberlausitz sowie in den Kupferbergbau im Raum Mansfeld.

Viele konnten sich mit den neuen Machthabern in Ostdeutschland nicht anfreunden und suchten den Weg nach Westen. Einigen gelang sogar die Flucht in ihre alte Heimat. Allen Vertriebenen war es in der DDR untersagt, sich in landsmannschaftlichen Verbänden zu organisieren. Dies wurde erst nach der Wende möglich.

Integrationsprobleme und eigenes Erleben Das Einleben gestaltete sich schwierig, denn mit ihrem Dialekt wurden sie nicht verstanden. Ihre traditionelle Kleidung und die Essensweise war auch eine andere. Sie wurden auf keinen Fall mit offenen Armen aufgenommen und wurden in Unkenntnis auch als Zigeuner betitelt. Als Volksgruppe traten sie politisch nicht in Erscheinung, sondern zogen sich in ihre Familien zurück und wurden dennoch argwöhnisch von der Stasi überwacht. Unter uns Kindern gab es keinerlei Berührungsängste und die Freundschaften sind durch gemeinsames Erleben sehr stark. So hielt sich eine Familie im nahen Auritz bei einem Bauern ein Schwein und wir Jungen mussten am Nachmittag auf dem Leiterwagen eine mit Speiseresten der Kantinen gefüllte Kanne dorthin bringen. Einmal fanden wir eine Handgranate aus dem Krieg, die wir in einen nahen Karpfenteich warfen, uns fragte niemand wo wir die Fische her hatten. Das Futter für die Kaninchen mussten wir kilometerweit holen. Da blieb kaum Zeit für Schularbeiten, zumal wir auch mit Leidenschaft Fußball spielten. So waren später auch 3 Ungarndeutsche bei "Motor Bautzen" in der DDR-Liga vertreten. Trotz dieser nicht gerade günstigen Bedingungen sind wir unseren Weg gegangen, Aber gerade dies hat unsere Kameradschaft gefestigt, denn wir waren alle auf einem ungefähr gleichen Niveau. Zu DDR-Zeiten waren Ungarn als Gastarbeiter an den Brennpunkten der Wirtschaft gern gesehen. Hier seien die Textilindustrie und der Bau von Landmaschinen besonders hervor gehoben. Mit ihrer Bescheidenheit und dem handwerklichen Geschick konnten sie sich relativ schnell integrieren und haben ihren Platz in Sachsen gefunden.

Der ungarndeutsche Fußballer Johann Ehl
Der ungarndeutsche Fußballer Johann Ehl

Zwei Personen sollen beispielgebend genannt werden. Dies ist zum einen Heinrich Oppermann, geboren in Kaposszekcsö, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfW Dresden der ADW und Direktor und Lehrstuhlleiter am Institut für Anorganische Chemie der TU Dresden sich einen Namen machte, aber im Milchhof von Bautzen seine berufliche Laufbahn begann. Der 2-fache Doktor und Professor war auch am kosmischen Flug des ersten Deutschen im Kosmos mit einen Experiment beteiligt. Nun schreibt er als Rentner Geschichten und Erzählungen, die vom Schicksal seiner Volksgruppe handeln. Zum Zweiten ist es Johann Ehl, der 9 Jahre der Mannschaftskapitän der Riesaer Fußballer war, die einige Jahre die Oberliga der DDR bereicherten. Er wurde zum Publikumsliebling und hat noch Verbindungen in seine alte Heimat, seinen Geburtsort Bonnya. Er studierte Hüttentechnik und arbeitete im Stahl- und Walzwerk in Riesa.

Prof. Dr. Dr. Heinrich Oppermann
Prof. Dr. Dr. Heinrich Oppermann


Die nach Sachsen vertriebenen Ungarndeutschen heute

Ungarndeutsche in Bautzen um 1956
Ungarndeutsche in Bautzen um 1956

Die im Vogtland Angesiedelten fuhren oft mit Bussen in die alte Heimat. Die Männer schufteten im Uranbergbau unter strenger Aufsicht der Sowjets. Da der Weg über die Grenze nicht weit war, gab es ständigen Kontakt mit den Landsleuten im Westen und zahlreiche Familien wechselten vor dem Mauerbau die Seiten. Die letzten Geburtsjahrgänge, die noch Erinnerung an die Geburtsheimat haben, sind nun schon über 80 Jahre alt. So werden sich diese Verbindungen verlieren, denn die neue Generation kennt ihre Herkunft, aber eine Ansiedlung in Ungarn ist kaum denkbar. Und dennoch gibt es Beispiele der Neuansiedlung von Heimatvertriebenen, die nun im hohen Alter in ihre angestammte Heimat zurückkehren, weil sie sich in Deutschland als vertriebene Donauschwaben nicht wertgeschätzt fühlen.

Die Treffen zwischen den in Ungarn verbliebenen und den mittlerweile DDR- Bürgern waren unter der ständigen Kontrolle der Stasi und nicht gern gesehen oder gar verboten. Auch wenn jetzt in einigen Gemeinden die Kassen leer sind und ein Sparprogramm auferlegt wurde und es keine Gelder für das Fortbestehen der Partnerschaften gibt, werden diese Kontakte bestehen bleiben und sich mehr auf den privaten Sektor verschieben. Nach der Wende entschuldigte sich die ungarische Regierung bei den Ungarndeutschen für die schlimmen Vergehen und zahlte im Rahmen ihrer Möglichkeit auch eine Entschädigung. Ungarn mit seinen freundlichen Menschen wird für uns Deutsche immer ein interessantes und attraktives Reiseland bleiben. Gerade die ehemaligen DDR-Bürger sind den Ungarn zu Dank verpflichtet, denn als der Stacheldraht und die Minen an der ungarischösterreichischen Grenze beseitigt wurden, ging es mit dem Kommunismus nicht mehr lange und die Ära um Erich Honnecker und Konsorten war zu Ende.

Die Ungarn haben eine besonders enge Beziehung zu ihrer Geschichte - sogar die Jugend. Es ist bemerkenswert, dass junge Ungarn und Ungarndeutsche gerade nach Bautzen kommen, um an der dortigen Berufsakademie zu studieren.

Auch wenn die ungarische Regierung ihren eigenen Weg in der europäischen Gemeinschaft sucht, dann liegt der Ursprung in der wechselhaften Geschichte des Landes. So hat sich ein Nationalstolz herausgebildet, der in der europäischen Gemeinschaft seine notwendige Beachtung finden sollte, ohne dem Land die in der EU übliche wirtschaftliche Unterstützung zu versagen.

Kurt Weihe mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Kurt Weihe, langjähriges Vorstandsmitglied des BdV und der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen in Limbach-Oberfrohna, wurde von Bundespräsident Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Am 7. Dezember wurde es ihm von Ministerpräsident Tillich in der Staatskanzlei übergeben.

In der Begründung heißt es unter anderem:

“Kurt Weihe setzt sich seit vielen Jahren für die Vertriebenenarbeit im Freistaat Sachsen ein. Vor 25 Jahren war er maßgeblich an der Gründung der Kreisgruppe des Bundes der Vertriebenen beteiligt und leistete aktive Vorstandsarbeit in der Landsmannschaft Ost-/Westpreußen Kreisverband Limbach-Oberfrohna.

Er setzt sich mit hohem persönlichem Engagement für die Völkerverständigung und zeitgemäße Information insbesondere von Kindern und Jugendlichen ein.

Kurt Weihe, der 1944 als neunjähriger seine zerstörte Heimat Ostpreußen verlassen musste, vermittelt so als Zeitzeuge jungen Menschen die Geschichte der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete und bringt Ihnen die Integration der Vertriebenen in Sachsen nahe.

F Außerdem hat er zusammen mit der Gerhart-Hauptmann-Oberschule in Limbach-Oberfrohna einen Kinder- und Jugendaustausch mit dem Königsberger/Kaliningrader Gebiet ins Leben rufen. Im Mittelpunkt stehen dabei das Schicksal der Vertriebenen und Spätaussiedler sowie ihrer Traditionen und Bräuche.“

-

Unser Verband freut sich besonders darüber, dass Kurt Weihe auch seine Familie für seine Arbeit gewinnen konnte. Seine Kinder und Enkelkinder sind Mitglieder in Vertriebenenverbänden.

Friedrich Zempel

Zeitzeugenberichte der Vertriebenen und Spätaussiedler aus Sachsenwurden online gestellt

Nach der Wiedervereinigung haben viele Vertriebene und Spätaussiedler Zeitzeugenberichte über Flucht, Vertreibung und die Aufnahme in Sachsen niedergeschrieben und teilweise auch mit Urkunden versehen. Mehrere hundert Berichte wurden dem Haus der Heimat in Reichenbach/schlesische Lausitz zur Verfügung gestellt. Unsere Mitglieder, Frau Ira Schirotzek und Mario Morgner, haben diese Berichte in weit über 1000 Arbeitsstunden archiviert, systematisiert, mit Schlagworten versehen und in den vergangenen Monaten online gestellt. Auf der Internetseite

http://zeitzeugenberichte.vertriebene-in-sachsen.de

können diese Berichte nach einer vorangegangenen einfachen Autorisierung durch den Administrator Mario Morgner eingesehen werden.

In Memoriam Lew Kopelew

Mitleid mit dem Feind

Menschliches, humanes Verhalten ist in allen Kriegen eine sehr seltene Ausnahme. Um so wichtiger ist es, der wenigen Menschen zu gedenken, die auch unter extremen Bedingungen dieses Verhalten zeigen. Zu diesen Wenigen gehörte Lew Kopelew, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährte.

Lew Kopelew wurde am 9. April 1912 als Sohn jüdischer Eltern in der Nähe von Kiew geboren. Durch sein deutsches Kindermädchen lernte er die Liebe zur deutschen Sprache und Kultur. Nach einem Germanistikstudium und arbeitete er als Dozent. Bei Kriegsbeginn meldete er sich freiwillig und erlangte einen Offiziersrang.

Mit den vorrückenden russischen Truppen wurde Lew Kopelew mit den entsetzlichen deutschen Verbrechen an der russischen und jüdischen Zivilbevölkerung konfrontiert. Er hatte es bis dato nicht für möglich gehalten, dass die deutsche Kulturnation, der er so große Wertschätzung entgegenbrachte, zu diesen unmenschlichen Grausamkeiten fähig war. Als er mit seiner Einheit nach Ostpreußen kam, erlebte er die Rache der Sieger an der ostpreußischen Zivilbevölkerung. Trotz der deutschen Verbrechen versuchte er, unter Lebensgefahr zu Gunsten der ostpreußischen Menschen einzugreifen. Dies war nicht im Sinn der Militärführung. Er wurde inhaftiert und wegen "Mitleid mit dem Feind" zu zehn Jahren Straflager verurteilt.

Nach seiner Entlassung wirkte er in Moskau als Dozent für deutsche Literaturwissenschaft. Seine Erlebnisse in Ostpreußen und der anschließenden Lagerhaft verarbeitete er in dem Buch "Aufbewahren für alle Zeit".

1981 bürgerte die SU Lew Kopelew während einer Auslandsreise in die BRD aus. Er blieb in Deutschland. Als Wissenschaftler und Literat widmete er sich den deutsch-russischen Kulturbeziehungen und schrieb mehrere Bücher zu diesem Thema. Lew Kopelew verstarb am 18. Juni 1997 in Köln.

Von sich selbst sagte Lew Kopelew, "Ich bin keine Regimekritiker. Ich bin ein Literat der ein Gewissen hat. Ich trete nicht gegen ein Regime auf, sondern für Menschen" (ein). Alle Deutsche, vor allem alle Ostpreußen, sollten ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Friedrich Zempel

Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Herrn MR Dr. med Heinz Zehmisch, und des Ärzteblattes Sachsen der Sächsischen Landesärztekammer veröffentlichen wir den nachstehenden Artikel über Gerhart Hauptmann.

Gerhart Hauptmann und die Medizin

Vorträge im Haus der Heimat

Erinnerungskultur der Vertriebenen in Deutschland und Polen
und
die Sächsisch polnischen Beziehungen

Das Haus der Heimat in Reichbach / schlesische Lausitz ist immer wieder gut für interessante Vorträge und findet überregionale Beachtung. Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Heinz Noack aus der Budapester Zeitung.

Die Stadt Reichenbach liegt vor den Toren von Görlitz und liegt an der alten Handelsstrasse Via Regia. Bis nach dem 2. Weltkrieg gehörte die an der Grenze liegende Stadt zu Schlesien, blieb von den Kriegsereignissen im wesentlichen verschont, nahm aber eine große Zahl Vertriebenen aus den Ostgebieten auf. Der Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen hat sich mit dem Haus der Heimat eine zentrale Einrichtung , dies geschah mit großer Initiative der Verbandsmitglieder und mit Unterstützung des Sächsischen Staatsministeriums des Inneren. In einer Ausstellung werden Zeitzeugenberichte über Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit, Deportation sowie Gegenstände und Trachten aus der alten Heimat ausgestellt. Hauptsächlich kommen diese Dinge aus Schlesien , aber auch aus den Ländern Osteuropas liegen Exponate vor, so auch von den Ungarndeutschen. Dieses Haus bietet sich für Besuche von Schülern im Ethikunterricht an. Die herausgegebene Broschüre enthält im Anhang Fragebögen wo die Schüler ihre Großeltern über die Vergangenheit und ihren Erlebnissen befragen können. Kürzlich fand im Haus, im vollen Versammlungsraum, wieder eine Gesprächsrunde statt, an der auch die Bürgermeisterin Frau Carina Dittrich teilnahm.
Der Vortrag von Prof. Dr. Frank Knoll von der Universität Chemnitz gab einen interessanten Überblick über die Beziehungen zwischen Polen und Sachsen zur Zeit August dem Starken wieder. So wurde auch klar wie groß Polen früher einmal war und wie spezifisch die polnische Geschichte ist. Nach dem Vortrag kam es zu einer regen Fragestunde , bei der nichts offen blieb.

Frau Karolina Tryzna aus Sorau/Zary stellte in ihren Vortrag die Vertreibung der deutschen und polnischen Erinnerungskultur dar. Dies war auch das Thema ihrer eben erfolgreich verteidigten Magisterarbeit gewesen. Sie verglich dabei die beiden Heimatausstellungen in Sorau und Reichenbach. Ging auf die in Polen wohl falsch verstandenen Worte von Erika Steinbach ein. Legte aber auch klar, dass 70% der Polen gegen eine Vertreibung der Deutschen war.
Das Haus der Heimat sollte viel mehr von den Schulen in Anspruch genommen zu werden, denn hier wird an das Erbe unser Großeltern erinnert und gerade in der heutigen Zeit ist das Flüchtlingsproblem besonders aktuell.

Prof: Dr. Frank Knoll

Prof. Dr. Winfried Schirotzek der Leiter des Hauses.

Magister Karolina Tryzna

Sie bekannten sich
Lattek - Windelen - Karasek

Mit einem Bekenntnis zu seiner Herkunft aus den Heimatgebieten der Vertriebenen erweckt man in der Öffentlichkeit in der Regel Ablehnung - bestenfalls Unverständnis. Daher finden Personen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, nur ausnahmsweise den Mut, sich als Vertriebene oder Kind von Vertriebenen zu "outen". Im vergangenen Jahr haben uns 3 Persönlichkeiten verlassen, die ihre Herkunft nicht verleugnet und sich gegenüber den Vertriebenenverbänden freundschaftlich verhalten haben.

Am 31. Januar erlag der 1935 in Bosemb bei Sensburg (Ostpreußen) geborene Bauernsohn Udo Lattek einer Parkinsonerkrankung. Nach der Ausbildung zum Gymnasiallehrer für Mathematik, Physik und Sport wurde er der erfolgreichste deutsche Fußballtrainer. Mannschaften wie Borussia Dortmund, Borussia-Mönchengladbach und Bayern München führte er zu großen Erfolgen. Sein Ausflug auf das "internationale Trainerparkett“ beim FC Barcelona endete jäh, als er den für seine Allüren bekannten Superstar Maradona maßregelte. Latteks "Rauswurf" in Barcelona mindert aber nicht seine Qualität als Trainer; denn seine großen Erfolge erreichte er nicht durch "Ausnahmestars", sondern durch hervorragende Mannschaftsleistungen. Nicht erst als Unbekannter, sondern als erfolgreicher Trainer besuchte er Veranstaltungen der Landsmannschaft Ostpreußen.

2 Wochen nach Lattek, am 16. Februar, verstarb der frühere Bundesminister Heinrich Windelen. Windelen wurde 1921 in Bolkenhain (Schlesien) geboren. Noch in Breslau studierte er Physik und Chemie. Nach der Vertreibung wurde er Mitglied der Landsmannschaft Schlesien und Bundestagsabgeordneter in Westfalen. 1983 bis 87 war er Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen. Der Naturwissenschaftler Windelen war kein Mann der großen Worte. Wenn es um die Sache ging, war er aber nicht weniger konsequent als der kämpferische Herbert Hupka. Auch Windelen lehnte Anfang der Siebzigerjahre die Ostverträge ab und 1990 den Grenzvertrag mit Polen und den Einigungsvertrag. Mit seiner bedächtigen liebenswürdigen Art verstand er es nicht nur die Vertriebenenjugend zu beeindrucken, sondern auch kritische Jugendliche zum Nachdenken zu bewegen.

Dr. Hellmuth Karasek, “Literaturpapst“ und Professor für Theaterwissenschaften, erlag am 29. September einem Krebsleiden. Karasek, der durch seine Beteiligung am literarischen Quartett einen großen Bekanntheitsgrad im Bildungsbürgertum erlangt hatte, wurde 1934 in Brünn (Mähren) geboren. Vorher war er bereits Mitarbeiter in der Spiegelredaktion und Verfasser vieler Essays über deutsche Literatur. Karasek gehörte auch zu den Unterstützern des Zentrums gegen Vertreibungen.

Bemerkenswert an dem literarischen Quartett war, dass neben Karasek auch die beiden anderen ständigen Mitglieder, Marcel Reich-Ranicki (Wloclawek/Polen) und Frau Professor Siegrid Löffler (Aussig/Tschechien) aus dem Osten kamen. Eine derartige Präsenz von Menschen mit östlicher Herkunft ist mir aus keinem anderen Bereich in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft oder Politik bekannt. Eine vergleichbare Einrichtung kann es nie wieder geben.

An dem Zerfall des literarischen Quartetts wird nicht nur der endgültige Verlust der Heimatgebiete deutlich, sondern auch, dass mit den Heimatgebieten ein großer Teil der deutschen kulturelle Identität verloren gegangen ist.

Friedrich Zempel

Große Deutsche aus dem Osten

2014 war für die Vertriebenen in Sachsen ein wichtiges Jahr.
Wir haben uns daran erinnert, dass die aus Böhmen stammende Pazifistin und Trägerin des Friedensnobelpreises, Bertha von Suttner, vor 100 Jahren am 21. Juni 1914 gestorben war. Ihre Warnungen vor einem Krieg hatten für Aufsehen erregt und die Herzen vieler Menschen, aber nicht die Köpfe der Entscheidungsträger erreicht. Sie war zweifellos eine “Querdenkerin“. Die Deutschen aus dem Osten haben viele dieser Querdenker hervorgebracht. Einer von ihnen war der in Pommern geborene am Jahreswechsel gestorbene Soziologe Professor Ulrich Beck. Er war in den vergangenen Jahren nach Einschätzung der Fachwelt der bedeutendste deutsche Soziologe geworden.
Ein weiterer deutscher Querdenker aus dem Osten, der gebürtige Banater Schwaben, Professor Hell, wurde im Oktober mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Anmerkungen zu der Charta der Heimatvertriebenen aus Anlass der im Juni 2014 vom sächsischen Landtag beschlossenen Einführung eines Gedenktages an die Vertreibung

Rechtsanwalt Friedrich Zempel

Die Einführung eines Gedenktages wurde in verschiedenen öffentlichen Stellungnahmen kritisiert, weil die Vertreibung als historisch abgeschlossenes Ereignis und die Tätigkeit der Vertriebenenverbände als Belastung für gute nachbarschaftliche Beziehungen zu den osteuropäischen Ländern angesehen wird. Vielfach wurde die am 5. August 1950 von den Spitzen der Vertriebenenverbände in der BRD verabschiedete Charta der Heimatvertriebenen zur Begründung herangezogen. Daher werden nachfolgend einige Gedanken über die Charta dargelegt, um einen Beitrag zu einer objektiveren Bewertung zu leisten.

Bereits im November 1949 begannen die Spitzenverbände der Vertriebenen mit den Vorbereitungen zur Verabschiedung einer "Magna Charta der Vertriebenen“. Am 5. August 1950, dem Jahrestag der Potsdamer Konferenz, wurde die "Charta der Heimatvertriebenen“ verabschiedet, in der die Vertriebenen unter anderem

  • auf Rache und Vergeltung und damit auf eine Vertreibung der inzwischen in ihren Heimatgebieten angesiedelten Bevölkerung verzichteten,
  • ein Bekenntnis zu einem auf friedlichem Weg vereinigten Europa abgaben und
  • die Anerkennung des Rechts auf Heimat als Grundrecht der Menschheit forderten.

Angesichts der weltweiten Konflikte - in Europa auf dem Balkan und in der Ukraine, im nahen Osten und in vielen afrikanischen und asiatischen Staaten - ist es wichtig, die Verabschiedung der Charta als Beitrag zu einem friedlichen Miteinander in Mitteleuropa und Vorbild für die Konfliktparteien in anderen Teile der Welt zu würdigen.

Aus der westdeutschen Nabelschau war der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 beendet und es konnte mit dem Aufbau demokratischer staatlicher Strukturen und der Bewältigung der wirtschaftlichen Kriegsfolgen begonnen werden.

Die weltpolitische Realität sah jedoch anders aus.

In Korea, China, Indonesien, Indochina, auf dem gesamten indischen Subkontinent, in Palästina und in den Maghrebstaaten wurden weiterhin Kriege geführt und Menschen aus ethnischen oder religiösen Gründen verfolgt und vertrieben. Keiner dieser Konflikte wurden bis heute durch eine auf Dauer angelegte Friedensordnung endgültig beendet. Vielmehr sind viele weitere Konfliktherde, insbesondere in Afrika aber auch auf den Philippinen, hinzugekommen. Fast täglich erreichen uns Meldungen über diese kriegerischen Auseinandersetzungen und Vertreibungen.

Auch in Ostmitteleuropa war nach dem 8. Mai 1945 der Frieden keineswegs gesichert. Die SU begann in den von ihr besetzten Ländern ihre stalinistische Ideologie durchzusetzen. Politische Gegner und Menschen, die als Kapitalisten galten, wurden gesellschaftlich kaltgestellt und verfolgt. Hunderttausende flohen in das westliche Ausland. In Griechenland brach ein Bürgerkrieg aus, der erst kurze Zeit vor der Verabschiedung der Charta der Heimatvertriebenen beendet werden konnte.

Die Weltpolitik Ende der vierziger Jahre zeigte deutlich, dass in anderen Teilen der Welt die Vertriebenen nicht nur nach Wiedergutmachung strebten, sondern wegen der erlittenen Verluste eine geringe Hemmschwelle hatten, Rache zu verlangten.
Sie zeigte, dass Vertreibungen kein adäquates Mittel zur Lösung politischer Konflikte sind.
Es bestand daher in der BRD ein breites gesellschaftliches Interesse, dass sich die Vertriebenen zu einer Friedensordnung bekennen. Aus diesem Grund wurden die Vertriebenen bei der Vorbereitung der Charta durch die bestimmenden gesellschaftlichen Kräfte der neu gegründeten Bundesrepublik sowie die Westalliierten unterstützt.

Rückblickend muss man sich fragen, warum in der BRD trotz dieser zunächst vorhandenen großen gesellschaftlichen Übereinstimmung wenige Jahre später ein Prozess der Entfremdung zwischen den Vertriebenen und den maßgeblichen gesellschaftlichen Kräften begann, der mit der "Neuen Ostpolitik“ Anfang der siebziger Jahre seinen Höhepunkt erreichte und sie als undemokratisch und friedensfeindlich diffamierte. Diese Entfremdung dauert seither an. Wenn die Diskriminierung der Vertriebenen in der öffentlichen Diskussion einen immer geringeren Raum einnimmt, so ist dies nicht auf ein Umdenken zurückzuführen, sondern nur auf das langsame Aussterben der Generationen, die die Vertreibung noch selbst erlebt haben und die immer geringer werdende Bedeutung der Vertriebenen für das öffentliche Leben.

Die Vertriebenen fühlten sich in der BRD zunehmend vernachlässigt. Die Charta enthielt nicht nur die bereits erwähnten politischen Bekenntnisse zu Frieden, Versöhnung und einem geeinten Europa, sondern auch sozialpolitische Forderungen im Hinblick auf ihre Integration in das Berufs- und Wirtschaftsleben. Diese Forderungen wurden nie angemessen erfüllt.
Lange Jahre wurden entsprechende Forderungen mit dem Verweis auf die als möglich dargestellte Rückkehr in die Heimat abgewiegelt. Beispielsweise kämpfen bis heute die noch überlebenden Zwangsarbeiter um eine Entschädigung.

Als die öffentliche Meinung viel zu spät begann, sich mit dem Holocaust und der deutschen Schuld an dem Ausbruch des 2. Weltkrieges und der während des Krieges Verbrechen auseinanderzusetzen, wurde die Vertreibung der Deutschen als notwendige Folge dieser Verbrechen angesehen. Es wurde die Gleichung aufgestellt, wer die Vertreibung nicht als notwendige Folge der deutschen Verbrechen ansieht und damit alle Gedanken an eine Rückkehr in die Heimat für völlig ausgeschlossen erklärt, der billigt die deutschen Verbrechen und stellt sich somit außerhalb des Konsenses aller anständigen Bürger. Die Vertriebenen, die die Vertreibung nicht als Strafe anerkennen wollten, wurden als Störenfriede angesehen.

Die Vertriebenen gewannen den Eindruck, dass sie mit dem Verlust ihrer Heimat als billige Opfer für die Verbrechen zahlen sollten, für die alle Deutsche verantwortlich waren.

Zu ihrer Rechtfertigung konnten die Vertriebenen darauf verweisen, dass die Vertreibung nur im Machtbereich des Stalinismus stattgefunden hatte. Westliche Länder wie Belgien, in denen während zweier Weltkriege von Deutschen entsetzliche Verbrechen begangen worden waren, hatten ihre deutsche Minderheit nicht vertrieben und keine Gebietsabtretungen als Entschädigung von Deutschland verlangt. Vielmehr wurden viele Kinder von Vertriebenen bereits kurz nach dem Krieg von belgischen, holländischen und dänischen Familien während der Ferien aufgenommen, um sie körperlich und seelisch gesunden zu lassen.

Gegen das Argument, Störenfriede bei dem Genuss des westlichen Wohlstandes zu sein, machten die Vertriebenen gelten, dass sie es waren, die seit dem Ende der sechziger Jahre durch viele Besuche in der alten Heimat Kontakte zu den heutigen Bewohnern und den östlichen Nachbarvölkern geknüpft hatten. Sie hatten erfahren wie wenig sich diese Menschen mit dem kommunistischen System identifizierten und wie schlecht die Versorgungslage dort war. Die Vertriebenen konnten darauf hinweisen, dass – obwohl sie zu den Schichten mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen gehörten – durch vielseitige Hilfslieferungen in den Ostblock das deutsche Ansehen verbessert hatten.

Diese Fakten wurden nicht zur Kenntnis genommen. Besonders in Kreisen, die den evangelischen Kirchen nahe standen, wurden den Vertriebenen die Schuld an dem in den östlichen Nachbarländern erhobene “Revisionismusvorwurf“ gegeben. Sie glaubten, der Verzicht auf das Recht auf Heimat würde quasi automatisch zu guten Beziehungen zu den Nachbarvölkern und Staaten im Osten führen. Sie übersahen, dass auch in Westeuropa weiterhin Angst vor Deutschland weit verbreitet war, obwohl hier der "Revisionismusvorwurf" keine Rolle spielte. Noch 1990 versuchten Frankreich und insbesondere England die Wiedervereinigung zu verhindern. Sie übersahen, dass der “Revisionismusvorwurf“ nur eines von vielen Instrumenten des "Kalten Krieges“ war, dass bei Bedarf durch ein anderes ersetzt worden wäre.

Völlig unbeachtet blieb auch, dass die schrecklichsten deutschen Verbrechen - der Holocaust und die Ermordung von Kranken, Behinderten, streng gläubigen Christen und politischen Gegnern - in keinem Zusammenhang mit der Vertreibung standen.

Derartige Argumente wurden ignoriert, weil man sich andernfalls tiefere Gedanken über die deutsche Schuld hätte machen müssen. Als Vorwand verwies man darauf, dass unter den Unterzeichnern der Charta eine Reihe alter Nazis war. Diese Kritik war kurzsichtig. Nach dem Krieg fanden alte Nazis nicht nur in den Organisationen der Vertriebenen, sondern in fast allen Bereichen der Bundesrepublik – und wie wir heute wissen sogar in der DDR – Wiederverwendung, ohne dass die Einrichtungen diskreditiert waren. Dies war leicht erklärlich. Die Verbindungen und Kontakte der Gegner und Kritiker des Nationalsozialismus waren während seiner Herrschaft unterbrochen, aber diejenigen, die bei Kriegsende Führungspositionen inne gehabt hatten, nutzten ihre Verbindungen, um sich zu rehabilitieren.
Vermutlich war unter den Vertriebenen, die vor 1939 außerhalb Deutschlands gelebt hatten, ihr Anteil betrug fast 50 %, die Abneigung gegen über alte Nazis sogar höher als unter der übrigen Bevölkerung; denn in der Regel wurden diese "Volksdeutschen“ während der NS-Zeit schlechter behandelt als die “Reichsdeutschen“. In der Landsmannschaft Weichsel/Warthe, der Landsmannschaft der Deutschen aus Polen, gab es eine Reihe von Fällen, bei denen alte Nazis ausdrücklich aufgefordert wurden, nicht an den Veranstaltungen der Landsmannschaft teilzunehmen.

Unbestritten ist inzwischen auch unter den Vertriebenen, dass die Autoren der Charta es versäumt haben, gegenüber den Vertriebenen anderer Völker und den Opfern des Nationalsozialismus Mitgefühl auszudrücken. Erklären kann man dies Verhalten mit dem Hinweis, dass das selbst erlittene Leid und die andauernde akute eigene Not die Menschen so gefangen nahmen, dass sie sich mit fremdem Leid nicht befassen konnten. Zwar war der größte Teil der deutschen Bevölkerung aus den Staaten Mittel- und Osteuropas bereits vertrieben worden, aber Millionen Deutsche, unter ihnen vermutlich Verwandte und Bekannte der Autoren der Charta, vegetierten nach wie vor außerhalb der beiden deutschen Staaten im Machtbereich des Stalinismus. Gegen sie dauerten die Vertreibungsmaßnahmen an. Angesichts von rund 2 Millionen Vertreibungsopfern, zunächst wurden noch höhere Opferzahlen angenommen, musste man sich über ihr Schicksal große Sorgen machen. Außerdem kämpften auch in den beiden deutschen Staaten die meisten Vertriebenen selbst noch ums Überleben. Sie waren in Notunterkünften, in Wellblechbaracken und Scheunen untergebracht. Die "Wohnungen“ der Familien war nur durch aufgehängte Kartoffelsäcke voneinander abgetrennt. Viele von ihnen litten an Unterernährung.

Im Übrigen dauerte es auch bei den Nichtvertriebenen einige Jahre, bis sie begannen das ganze Ausmaß der während des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen zu begreifen und Empathie für die Opfer zu entwickeln.

Übersehen wurde auch, dass die Vertriebenen trotz aller Enttäuschungen keine Unterstützer rechtsextremer Parteien wurden. Führenden Vertreter der Vertriebenen erinnerten in ihren Reden daran, dass die deutschen Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg die ersten groß angelegten systematischen Vertreibungen fremder Völker begangen hatten und die Umsiedlung deutscher Minderheiten im Rahmen der Aktion "Heim ins Reich" nur eine verschleierte Vertreibung war.

In der DDR waren die Vertriebenen “Unpersonen“. Zusammenkünfte konnten nur im Untergrund stattfinden. Im öffentlichen Leben spielten sie keine Rolle. Nach der friedlichen Revolution rezipierte die öffentliche Meinung in den neuen Ländern die Bewertung der Vertriebenen aus der BRD, obwohl es gerade hier angebracht gewesen wäre, die Vertriebenen differenziert zu beurteilen. Die in der ehemaligen DDR neu gegründeten Vertriebenenorganisationen haben zu keinem Zeitpunkt eine Rückkehr in die Heimatgebiete verlangt, sondern sich seit ihrer Gründung auf die Pflege ihres kulturellen Erbes und Fahrten, insbesondere Hilfsaktionen, in ihre Heimatsgebiete beschränkt. Ihre Aufgabe war “Erinnerung und Begegnung“. Beide Ziele befinden sich in Übereinstimmung mit einem wohlverstandenen öffentlichen Interesse. Die Pflege des kulturellen Erbes der Vertriebenen bereichert das kulturelle Leben in Deutschland. Angesichts des geringen Interesses der deutschen Bevölkerung an den Menschen in den östlichen Nachbarstaaten sollten alle, die einem friedlichen Miteinander in Europa interessiert sind, den Vertriebenen dankbar sein, dass sie diese Kontakte pflegen.

In den vergangenen Jahren haben fast alle Staaten - Polen, Russland und Tschechien ausgenommen -, aus denen die Deutschen vertrieben wurden, entweder diese Vertreibung bedauert oder sogar die Rückkehr in die Heimatgebiete ermöglicht. Zu nennen sind hier Kroatien, Serbien, Ungarn, Rumänien, die Slowakei, Litauen, Lettland und Estland. Die Länder, die den Vertriebenen eine Rückkehr ermöglichen wollten, waren überrascht und enttäuscht, dass nur in ganz wenigen Ausnahmefällen ihre Angebote angenommen wurden.

Eingedenk der aufgeführten Tatsachen bleibt es völlig unerklärlich, warum das öffentliche Wirken der Vertriebenen, dass mit der Charta der Heimatvertriebenen vor 64 Jahren begann, nicht als Beitrag zur Herstellung einer Friedensordnung in Europa gewürdigt wird.

Wie wichtig es ist, sich über die Bedingungen eines friedlichen Miteinanders der Staaten und Völkern Gedanken zu machen zeigt ein Blick in die Geschichte: Vor 150 Jahren begann der deutsch-dänische Krieg; vor 100 Jahren starb die Trägerin des Friedensnobelpreisträgerin, Bertha von Suttner; wenige Wochen nach ihrem Tod begann der 1. Weltkrieg; vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg; vor 70 Jahren wurde der Warschauer Aufstand niedergeschlagen und ganze Stadtviertel vom Kleinkind bis zur Greisin ermordet.

Die Waffentechnik hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg enorm weiterentwickelt. Sie hat einen Stand erreicht, den wir vor wenigen Jahren nur aus Science-Fiction-Romanen kannten. Die Fähigkeiten der Menschen, Friedenspolitik zu betreiben, sind nicht besser als im Neolithikum, als sie noch mit Faustkeilen um Beute kämpften. Es bestehen daher genügend Gründe, sich um eine Weiterentwicklung auf diesem Gebiet zu bemühen und entsprechende Beiträge anzuerkennen und nicht zu verleumden.

MdL Frank Hirche, Landesvorsitzender des LVS, zu der Rede von Ministerpräsident Petr Necas im bayerischen Landtag

Presseerklärung

Zu der Rede des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas im bayerischen Landtag erklärte MdL Frank Hirche, Vorsitzender des Vorstandes des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz (LVS) und vertriebenenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Sachsen:

Ich begrüße die ehrlichen und respektvollen Worte, die der tschechische Ministerpräsident Petr Necas in München an unsere sudetendeutschen Heimatfreunde gerichtet hat. Er hat unseren Heimatfreunden und auch mir aus tiefstem Herzen gesprochen. Dafür danke ich Ministerpräsident Necas im Namen der Vertriebenen und Spätaussiedler und als vertriebenenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Sachsen im Namen meiner Fraktion.

Wenn Ministerpräsident Necas die Sudetendeutschen als "unsere deutschen Landsleute" angesprochen hat, deren Vertreibung für die Tschechoslowakei ein Verlust ist, so lässt das uns mehr als hoffen.

Zudem möchte Necas verlorene Gemeinsamkeiten wieder beleben und sich dazu einbringen.

Europa braucht ein besseres und intensiveres Miteinander. Gerade Tschechien und Sachsen waren und sind hierbei oftmals Vorreiter. Darauf sollten wir aufbauen.

Das Überwinden von Vorurteilen ist dabei der beste Weg.
Wir wollen und müssen diesen Weg gemeinsam gehen.


Frank Uwe Hirche
Mitglied des sächsischen Landtages

Beiträge von Landsleuten und Vereinsfreunden

Die Folgenden Beiträge sind von dieser Seite aus zu erreichen:


  1. Überlegungen aus Anlass von 60 Jahren Bundesvertriebenengesetz, von Prof. Dr. Matthias Stickler

  2. Der Evangelisch-lutherische Kirchengesangsverein „Harmonia“ in Konstantynow, von Dipl.– Gwl. Armin Hirsekorn

  3. Die Erinnerung bewahren, von Irmtraut Schirotzek

  4. Faltblatt zur Wanderausstellung „Unsere neue Heimat - Sachsen“

  5. Die Wahrung des gemeinsamen kulturellen Erbes in Ost-Mitteleuropa, Bestandsaufnahme und Perspektiven, von Dr. MARTIN SPRUNGALA

  6. Faltblatt des "Tanzkreises Rübezahl" aus Deutsch-Paulsdorf