Erinnerung und Begegnung e.V.
im
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz

Aufsätze und Beiträge

Liebe Mitglieder, Landsleute und Freunde des Vereins!

Senden Sie uns Ihre Beiträge zur Veröffentlichung auf diesem Internetportal. Wir sind interessiert an Ihren Lebenserinnerungen, an persönlichen Erlebnissen und Eindrücken aus den Orten ihrer alten Heimat und natürlich auch an Begegnungen mit ihren Freunden.

Redaktionsschluss ist jeweils das Monatsende.

Bei den Zuarbeiten kann es sich um zwei Formen handeln:
  1. um kurze Informationen zur Vertriebenenarbeit (Veranstaltungen): Art, Zeit, Ort, ein Bild
  2. um Aufsätze und Berichte im Umfang von max. 30 Zeilen (12pt) als Word-Datei, dazu ein bis zwei Bilder

Der Betreiber des Internetportals „www.vertriebene-in-sachsen.de“ behält sich das Recht vor, das zur Veröffentlichung bestimmte Material zu kürzen und gegebenenfalls redaktionell zu bearbeiten.

Der Nothelfer aus Leipzig

Mach weiter Manfred!

Frau Hannelore Schimmer mit ihrer Nichte Beate aus Freital in einer Interviewpause in ihrer Wohnung in Madrid
Dr. Manfred Hellmund, aufgenommen bei einer Veranstaltung der LMDR

Es hat sich – wohl seit vielen Jahrhunderten – in Deutschland eingebürgert, verdienten Persönlichkeiten erst zu danken, wenn sie keine Verdienste mehr erwerben können. Der Dank ist damit fast eine Art Abschied nach dem Motto aus Schillers „Verschwörung des Fiesko“, „Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehen.“ Diese Sitte ist eine Unsitte. Daher hat mich der Landesvorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Florian Braun, gebeten, anlässlich des 70. Geburtstag von Dr. Manfred Hellmund, ein paar Dankesworte auf dieser Internetseite zu veröffentlichen. Ich will dieser Bitte nachkommen, denn der Jubilar hat sich seit vielen Jahren als aktiv und unersetzlich erwiesen.

Aktiv und unersetzlich ist Manfred Hellmund vor allen Dingen für die Deutschen aus Russland in Sachsen. Er selber bzw. seine Familie haben keine russlanddeutschen Wurzeln. Das ist gut so! Wenn man selbst nicht Angehöriger der Gruppe ist, um die man sich bemüht, kann man viel neutraler mit den Betroffenen kommunizieren und viel objektiver und nachdrücklicher ihre Anliegen vertreten. Man muss kein Wal sein, um für die Rechte der Wale eintreten zu können.

Seit 2006 ist Dr. Hellmund Geschäftsführer des deutsch-russischen Zentrums in Leipzig im Ehrenamt. In dieser Eigenschaft hat er den Deutschen aus Russland in Leipzig geholfen, sich zu organisieren und zu integrieren. Sehr schnell hat der Landesvorsitzende erkannt, wie wertvoll seine Hilfe in Leipzig ist und sie zunehmend auch für den Landesverband in Anspruch genommen. Durch sein Studium der Betriebswirtschaft, während der Promotion und danach als wissenschaftlicher Oberassistent an der Universität Leipzig hat er umfangreiche betriebswirtschaftliche theoretische Kenntnisse erworben. Bereits zum Ende seines Studiums und in der nachfolgenden Berufstätigkeit konnte er seine theoretischen Kenntnisse um vielfältige praktische Erfahrungen in unterschiedlichen Unternehmen im In- und Ausland erweitern. Nach einer langen wissenschaftlichen und beruflichen Karriere können hier nicht alle Stationen aufgezählt werden. Für seine Tätigkeit als „Nothelfer“ der Deutschen aus Russland sind vor allen Dingen seine Lehrtätigkeit als Honorardozent in der Weiterbildung an verschiedenen Ingenieurschulen und bei der Gesellschaft Urania von Bedeutung. Hilfreich war auch, dass er sich wissenschaftlich und praktisch mit Produktionsabläufen und dem Personaleinsatz befasst hat. Nach der Wiedervereinigung lag der Schwerpunkt seiner Tätigkeit im Controlling sowie der Management- und Marketingberatung.

Seine großen theoretischen und praktischen betriebswirtschaftlicher Kenntnisse waren aber nicht die einzigen Voraussetzungen, die ihn zum Nothelfer prädestinierten. Aufgrund seiner Abstammung, mütterlicherseits aus Pommern und väterlicherseits von der deutschen Minderheit aus Slowenien, hat er auch die erforderliche Empathie mitgebracht, damit die Deutschen aus Russland ihn als ihren Fürsprecher anerkennen.

Empathie ist in der Zusammenarbeit mit Spätaussiedlern besonders wichtig. Dies ist aus ihrem Schicksal zu erklären. Einerseits haben sie in ihren Herkunftsländern darunter gelitten, dass die Menschrechte viel weniger beachtet wurden als bei ihren Verwandten in Deutschland. Wegen dieser Benachteiligungen wurden sie zur Aussiedlung genötigt. Sie empfinden es als eine Beleidigung, wenn sie als Russen bezeichnet werden. Andererseits fühlen sie sich durch abfällige Bemerkungen über ihre Herkunftsländer, über die sie viel mehr Wissen als die deutschen Normalbürger, verletzt. Denn trotz aller Benachteiligungen kennen sie auch die positiven Seiten – beispielsweise die großartige russischen Kultur, die sich mit den Leistungen der westeuropäischen Völker messen lassen kann. Sie haben mehr Gastfreundlichkeit erfahren als in Deutschland. Den meisten von Ihnen sind emotional so betroffen, dass sie außer Stande sind, dieses differenzierte Bild ohne
innere Erregung zu vermitteln. Manfred Hellmund dagegen versteht es, nachdrücklich und trotzdem verbindlich Vorurteile und abfällige Bemerkungen zurückzuweisen.

Es wird niemand wundern, dass auch andere erkannt haben, wie wertvoll das Engagement von Dr. Manfred Hellmund sein kann. Im April 2017 wurde er in den Stiftungsrat der Stiftung “Erinnerung, Begegnung, Integration“ bestellt. Seit diesem Februar ist er auch stellvertretender Vorsitzender der Stiftung. Dem Landesvorstand des Landesverbandes der Vertriebenen Sachsen/Schlesische Lausitz (LVS) gehört er bereits seit März 2015 als Beisitzer an. Seit einigen Monaten gestaltet er eine Internetseite des LVS.

Wenn die Leitung eines Vereins einen neuen Mitarbeiter gewinnt, wird oft nach dem Hobby gefragt; denn es besteht immer die Angst, das Hobby könnte dem Ehrenamt den Rang ablaufen. Bei Manfred Hellmund besteht diese Angst nicht. Zwar ist er ein begeisterter Kleingärtner, aber wenn man ihn in seinem Garten anruft, hat er immer Zeit, sich anderen Problemen zuzuwenden. Manchmal hilft sein diesbezügliches Interesse auch uns, zum Beispiel wenn man dringend einen Versammlungsraum sucht, vermittelt er ein Vereinslokal der Kleingärtner.

Lieber Manfred,

ich habe gehört, Du sollst auch ein Fußballfan sein. Ohne Dir zu nahe treten zu wollen, vermute ich, dass Deine Fußballleidenschaft mehr theoretischer als praktischer Natur ist. Das ist gut so! Vor dem Fernseher sitzend kann man gut dienstliche Telefonate erledigen.

Bereits diese wenigen Zeilen haben gezeigt, dass Du für uns unersetzlich bist. Im Namen der organisierten Spätaussiedler und Vertriebenen fordere ich Dich auf: “Mach weiter so, Manfred!“

Friedrich Zempel

100. Jahrestag des Kappputsches in Breslau

Dr. Roland B. Müller, Dresden

Vor 100 Jahren, am 13. März 1920, putschten Teile der Reichswehr gegen Reichspräsident Friedrich Ebert und die Reichsregierung unter Reichskanzler Gustav Bauer. Angeführt wurde der Putsch von dem in der Nähe von Kreuzburg in Schlesien geborenen Generalleutnant Walther Freiherr von Lüttwitz. Generalleutnant von Lütwitz stammt aus einer alten Offiziersfamilie auch sein Sohn wurde später General.

Die Putschisten erklärten den Reichspräsidenten und die Reichsregierung für abgesetzt, setzten den früheren Generalslandschaftsdirektor Wolfgang Kapp als Reichskanzler ein und beauftragten ihn mit der Bildung einer neuen Regierung.

Die neue Regierung sollte für eine Revision entscheidender Bestimmungen des Versailler Vertrages, insbesondere über die Verkleinerung der Reichswehr, sorgen.

Dass dieses Ziel nicht völlig aus der Luft gegriffen war, zeigte sich nicht nur an der Kritik in der Öffentlichkeit in den Ländern der Siegermächte, sondern später auch an der Behandlung der Türkei. Sie wurde zunächst am 10. August 1920 zu dem Diktatfrieden von Sèvres gezwungen, der mit umfangreichen Gebietsabtretungen verbunden war. 1923, nach dem säkularen Umsturz durch Atatürk, wurde der Vertrag von Sèvres durch den Vertrag von Lausanne in wesentlichen für die Türkei ungünstigen Vertragsbestimmungen revidiert.

Auch die demokratischen deutschen Reichsregierungen erreichten später gewisse Abmilderungen der Versailler Bestimmungen. Ob diese Verbesserungen auch einer nationalistischen deutschen Putschregierung gewährt worden wären, scheint jedoch zweifelhaft zu sein.

Nicht nur in Berlin hatten die Putschisten Anhänger, sondern vor allem in den Provinzen, die durch den Versailler Vertrag Teile ihres Territoriums an benachbarte Staaten abtreten sollten. Die meisten Befürworter fanden die Putschisten in Schleswig. Aber auch in Schlesien und seiner Provinzhauptstadt Breslau gab es zahlreiche Unterstützer.

Unser Freund Dr. Müller, Dresden, hat bereits eine Reihe von Publikationen über die Geschichte Breslaus vorgelegt, u. a. eine Biographie über Oberbürgermeister Dr. OttoWagner sowie die Juden in Breslau. Nunmehr hat er im Neisse-Verlag, www.neisseverlag.de, in der Reihe SILESIA NOWA; 16. Jahr. Heft 3/2019, eine Aufsatz über den Kappputsch in Breslau veröffentlicht, den wir historisch Interessierten empfehlen.

f.z.

Von Schlesien nach Madrid

Ein Mädchen erlebt Flucht und Vertreibung

Aufzeichnung eines Interviews von Frau Hannelore Schimmer durch Friedrich Zempel Ende Oktober 2019 in Madrid/Spanien

Frau Schimmer ist gebürtig aus Körnitz in Schlesien. Sie lebt seit vielen Jahren in Madrid. Die Tochter Ihrer Cousine Ursel Mohr, Frau Beate Süpfle, wohnt seit 1991 mit ihrer Familie in Sachsen. Als Frau Schimmer 2014 Frau Süpfle besuchte, bot sich deren Mann an, mit ihr in ihre alte Heimat zu fahren. Über diese Reise berichtete Frau Süpfle zufällig im Sommer 2019 Herrn Zempel. Dieser entschloss sich spontan, mit seiner Frau nach Madrid zu reisen, um Frau Schimmer für das Zeitzeugenarchiv zu interviewen.

Hannelore Schimmer

Lieber Herr Zempel, ich will Ihnen gerne über meinen Lebensweg erzählen. Sie können die Notizen in das Zeitzeugenarchiv aufnehmen.

Ich wurde am 5. April 1936 in dem Dorf Körnitz, Kreis Oppeln, in Schlesien geboren. Der nächste größere Ort war Oberglogau.

Meine Eltern waren Hans-Ferdinand Schimmer, gebürtig aus einer Kaufmannsfamilie aus Hamburg. Sie besaßen eine Schokoladenfabrik und handelten mit Kaffee und Schokolade. Meine Mutter Helene, geborene Osterwalder, war gebürtig aus Zellin, Landkreis Neustadt i. O.

Ich habe noch eine jüngere Schwester, Jahrgang 1938, und einen jüngeren Bruder, Jahrgang 1942.

Der Vater meiner Mutter stammte aus der Schweiz und besaß die schweizerische Staatsbürgerschaft. Von Beruf war er Maschinenbauer. Seine Firma hatte ihn für den Service und die Vertretung ihrer geschäftlichen Interessen nach Schlesien entsandt. Hier lernte er meine Großmutter kennen und blieb in Schlesien. Die Herkunft war für uns später von Bedeutung, weil auch unsere Mutter neben der deutschen die schweizerische Staatsbürgerschaft besaß. Die Staatsangehörigkeit war aber nur rechtlich relevant. Wir fühlten uns als Schlesier bzw. Deutsche aus Schlesien.

Mein Vater hatte Agrarwissenschaften studiert. Als Student war er Mitglied einer schlagenden Verbindung. Aus dieser Zeit "zierten" noch zwei Schmisse sein Gesicht. Nach dem Studium war er Gutsverwalter. Als ich geboren wurde, verwaltete er das Rittergut Körnitz mit dem Vorwerk Agnesenhof und dem Nebengut Czekay. Die Güter gehörten dem Grafen von Seherr-Thoß. Weil der Graf in seinem Schloß Dobrau residiert und noch über andere Besitzungen verfügte, kam er nur geschäftlich nach Körnitz. Ich erinnere mich, dass er einmal in einem offenen PKW vorfuhr. Auf dem Beifahrersitz saß eine riesige Dogge, die ständig sabberte, was mich abgestoßen hat.

Meine Mutter kümmerte sich um uns Kinder und leitete und beaufsichtige das Gutspersonal, soweit es im Haus und Garten arbeitete. Vor allem mussten die Feldarbeiter mit Essen versorgt werden. Auf dem Gut arbeiteten Haus- und Stallmägde, Knechte, Gespannführer, Schweizer, Wagner, Brenner, Schmiede usw. - nur ein Arzt und ein Pfarrer fehlten. Es war wie ein eigenes Dorf. Wie viele Menschen meine Eltern beschäftigten, weiß ich nicht mehr genau. Es waren aber mindestens 45 Personen mit ihren Familien.

Weil der Graf nicht in Körnitz lebte und mein Vater in seinem Auftrag seine Güter leitete, wuchsen meine Geschwister und ich wie die Töchter eines Gutsbesitzers auf.
Die Handwerker und Arbeiter lebten mit ihren Familien in sehr kleinen Wohnungen. Man stelle sich vor, Familien mit vier bis fünf Kindern mussten sich mit einer drei-Zimmer-Wohnung begnügen.

Eines dieser Zimmer wurde als "gutes Zimmer" für besondere Anlässe reserviert. Bewohnt wurden praktisch nur zwei Räume.

Die Bewohner von Körnitz waren mehrheitlich katholisch. Es gab eine katholische aber keine evangelische Kirche. Weil unsere Familie evangelisch war, mussten wir 8 km zum Gottesdienst nach Oberglogau fahren - im Sommer mit der Kutsche und im Winter mit dem Schlitten. Diese Ausfahrten liebte ich, weil wir dann unsere Verwandten in Repsch, einem Vorort von Oberglogau, besuchten. Dort konnte ich meine Lieblingstante Gustel und Onkel Jörg sowie meine Cousinen Inge und Ursel treffen. Inga war sechs und Ursel zwei Jahre älter als ich. Onkel Jörg verwaltete die Mühle in Repsch. An der Mühle floss die Hotzenplotz vorbei, in der wir im Sommer spielen und baden konnten. Meine Mutter war wegen Ihrer Aufgaben als Frau des Gutsverwalters streng.

Schließlich war sie im Gutshaus die Chefin und Vorgesetzte des Personals. Tante Gustel war unkomplizierter. Sie hatte ein Herz für uns Kinder. Ich verbrachte in dieser Familie wunderschöne Stunden.

Meine Cousinen wurden genauso verwöhnt und geliebt wie wir. Leider hat das Schicksal ihnen böse mitgespielt. Sie verloren bei Kriegsende beide Eltern. Ihre Mutter, meine Tante Gustel, erlitt kurz vor der Flucht bei einer Operation eine Embolie und verstarb ganz plötzlich. Ihr Vater, mein Onkel Jörg, sollte "mit dem Volkssturm die Heimat retten". Weil seine Frau so plötzlich gestorben war, behielt er seine Kinder so lange wie möglich bei sich. Als die Gefahr schon sehr groß war und auch die letzten Zivilisten fliehen mussten, nahm die Familie des Mühlenbesitzers meine Cousinen auf ihrem Fluchtwagen mit auf eine Reise ins Ungewisse. Meine jüngere Cousine hat diesen Verlust und Schock nie überwunden.

Die Mühlenbesitzer flüchteten nach Österreich. In einem Lager in der Nähe von Wien erhielten sie eine Notunterkunft. Dort bekamen meine Cousinen Kontakt mit einer eingesessenen Familie, die sie aufnahm. Die Schwestern konnten die Schule besuchen und erhielten eine gute Ausbildung. Inge absolvierte ein Lehrerinnenstudium. Die sechs Jahre jüngere Ursel besuchte eine Schule für Chemielaborantinnen. Die Mädchen mussten auch im Haushalt mitarbeiten. Die Pflegemutter ließ sich von ihnen verwöhnen. Der Pflegevater war streng und schnell wurden ein paar Ohrfeigen ausgeteilt. Meine Cousine Ursel löste sich aus dieser Familie, nachdem sie die Ausbildung zur Chemielaborantin abgeschlossen hatte und suchte Zuflucht bei meiner Mutter in Metzingen / Baden-Württemberg.

Obwohl wir nach dem Krieg arm wie Kirchenmäuse waren und unser Leben neu aufbauen mussten, wurde Ursel aufgenommen. Was einst Tante Gustel mir an Wärme und Liebe gegeben hatte, gab meine Mutter jetzt ihrer Nichte wieder. Das war eine tolle Zeit für uns Teenager. Nach der Arbeit gingen wir Tanzen, spielten Klavier und hatten uns wieder. So erhielt Ursel wieder eine Familie und ein Zuhause. Bei einem Tanzkurs lernte Ursel ihren zukünftigen Mann, Peter Mohr, einen Pfarrerssohn aus Grunbach, kennen. Er studierte in Reutlingen Textilchemie. 1957 gründeten sie eine Familie.

Ich selbst konnte in Westdeutschland nicht sesshaft werden. Weil ich bei Kriegsbeginn erst dreieinhalb Jahre alt war, habe ich dieses Ereignis nicht als Einschnitt in mein Leben empfunden. Wir hatten zwar häufig Soldaten, insbesondere Offiziere, auf dem Hof. Ich bin aber gerne zu den Soldaten gegangen, weil sie sich über kleine Kinder freuten.

1942 wurde ich eingeschult. Zuhause und in der Schule wurde natürlich Hochdeutsch gesprochen. Ich verstand aber auch etwas Schlesisch, das so genannte Wasserpolnisch.

Bei Kriegsende wurde mein Vater zum Volkssturm einberufen. Als die Front im Januar 1945 näher rückte, bat er die zurückweichenden Soldaten, meine Mutter, uns drei Kinder und die Großmutter mütterlicherseits mit in das Sudetenland zu nehmen. Damals haben wir unseren Vater zum letzten Mal gesehen. Erst Ende der Fünfzigerjahre haben wir erfahren, dass er in der Gefangenschaft in Sibirien verstorben ist.

Die Soldaten nahmen uns in ihren Lastwagen mit bis nach Freiwaldau in Nordböhmen mit. Wir saßen auf der Ladefläche wie Hühner auf der Stange, in der Mitte das dürftige Gepäck.

In Freiwaldau durften meine Schwester und ich bis Ostern 1945 bei einer sehr netten kinderlosen Lehrerfamilie wohnen. Meine Mutter, die Großmutter und mein kleiner Bruder wurden bei einer jungen kinderlosen Frau untergebracht, deren Mann an der Front war.

Nach Ostern 1945 sind wir mit den Soldaten weiter Richtung Westen geflüchtet. Im westlichen Sudentenland hatten die Tschechen bereits das Regiment übernommen. Die Behandlung durch die Tschechen war sehr grausam. Als wir eine Kleinstadt erreichten, wollten sie uns auf dem Vorplatz des Rathauses erschießen. Ich habe mich weggeschlichen. Die Tür des Rathauses war nur mit einer Kette gesichert, so dass ich mich hindurchzwängen konnte. Als ich in Sicherheit war, begann ich nachzudenken. Was soll das Leben ohne meine Mutter. Allein wollte ich nicht überleben. Lieber tot als allein. Also ging ich wieder zu dem Erschießungsplatz zurück. Dort hatte sich inzwischen etwas verändert. Ein russischer Offizier, ich hielt ihn für einen General, trennte die Zivilisten von den Soldaten. Wir Zivilisten wurden auf eine Wiese getrieben und dann laufen gelassen. Was mit den Soldaten geschah, weiß ich nicht.

Bei der Flucht hatte meine Mutter für meinen Bruder einen Kinderwagen (Sportwagen) mitgenommen. Diesen tauschte sie gegen eine selbst gebastelte Karre. Mit dieser Karre machten wir uns im Juni 1945 wieder auf den Rückweg nach Oberschlesien. Meine Mutter hoffte, dort unseren Vater wiederzufinden. Ich denke, im Durchschnitt haben wir täglich 20 km zurückgelegt. Geschlafen haben wir bei den zurückgebliebenen deutschen Bauern. Mutter musste sich häufig im Wald verstecken, um sich vor einer Vergewaltigung zu schützen.

Anfang September kamen wir in Körnitz an. Inzwischen waren mit Ausnahme der Männer im wehrpflichtigen Alter die meisten anderen Bewohner wieder zurückgekehrt. Unser Haus konnten wir nicht beziehen. Die Russen hatten die Felder und den Wald verstaatlicht. In unserem Haus wohnte jetzt der russische Verwalter. Im Laufe des Jahres wurde alles den Polen übergeben.

Friedrich Zempel

In der historischen Literatur wird von einem Aufstand der Deutschen in Körnitz gegen die polnische Verwaltung berichtet. Ist Ihnen davon etwas bekannt?

Hannelore Schimmer

Ja, ich kann mich noch daran erinnern. Die Russen haben sich, wie ich schon sagte, Ende 1945 zurückgezogen und das ganze Gebiet den Polen überlassen. Das verbitterte die Deutschen sehr. Allerdings waren nur noch Frauen, Kinder und Alte übrig geblieben. Die Frauen wurden wegen der Enteignungen und Zurücksetzungen zu Furien. Mit Mistgabeln, Ernterechen und allem was irgendwie als Waffe dienen konnte, stellten sie sich auf und bedrohten die verhassten Besatzer. Sie wollten und konnten die Polen nicht akzeptieren. Obwohl ich damals noch ein Kind war, habe die Bilder noch immer vor meinem inneren Auge.

Weil unser Haus von den Russen belegt war, mussten wir andere Bewohner des Dorfes um Aufnahme bitten. Zunächst bekamen wir vorübergehend Unterschlupf bei unserem ehemaligen Hausmädchen in Schreibersdorf.
Die nächste kurzfristige Bleibe fanden wir bei einer alten Freundin meiner Mutter in Zellin.

Nach einigen Wochen bot uns eine liebe Frau, die wir Kinder "Tante Minna" nannten, an, bei ihr zu wohnen. Ihre Familie war noch nicht zurückgekehrt. Sie lebte ganz allein in einem großen Anwesen, zu dem eine Bäckerei und ein Kolonialwarenladen gehörten. "Tante Minna"war sehr verängstigt. Von uns erhoffte sie sich etwas Schutz vor Vergewaltigung und Plünderung. Als ihre Familie Ende April 1946 zurückkam, mussten wir wieder weiterziehen.

Übrigens waren ihre Angehörigen nicht die einzigen, die noch später zurückkamen. Nach meiner Erinnerung kehrten viele frühere Bewohner aus den Dörfern der Umgebung noch bis 1948 zurück.

Einige hatten Vieh nach Russland treiben, andere in Russland Zwangsarbeit leisten müssen. Die Rückkehrer sorgten für einen begrenzten Aufschwung in der Versorgung; denn viele Handwerksbetriebe in Körnitz und der Umgebung hatten wegen fehlender Arbeitskräfte ihren Betrieb einstellen müssen. Mit den Rückkehrern konnten sie wieder produzieren und Dienstleistungen erbringen. Aus den Gesprächen der Erwachsenen weiß ich, dass auch die Industriebetriebe in der Umgebung aus Mangel an Arbeitskräften und wegen der Demontage nicht oder nur eingeschränkt produzieren konnten.

Nachdem wir bei "Tante Minna" ausgezogen waren, wohnten wir bei einem Bauern in Körnitz, bei dem Mutti gearbeitet hat.
Ende 1946 starb meine Großmutter mit 82 Jahren.

Ab 1948 war ich neben dem Schulunterricht bei "unserem Bauern" Kinder- und Hausmädchen. Mit meinem damaligen Schützling pflege ich bis heute gute Kontakte. Sie hat mich auch schon in Spanien besucht. Wie die Bauernkinder habe ich mit zunehmendem Alter außerdem auf dem Feld gearbeitet. Erst spät abends konnte ich Schularbeiten machen.

Friedrich Zempel

Wurden Sie in der Schule von den polnischen Lehrern benachteiligt?

Hannelore Schimmer

Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich wegen meiner deutschen Abstammung und meiner evangelischen Konfession von den Lehrern benachteiligt wurde. Die polnischen Lehrer in Körnitz achteten auf Leistung. Wer bereit war, etwas zu leisten, wurde anerkannt. Mein Lieblingsfach war Mathematik, insbesondere Algebra. Auch in anderen Fächern bekam ich gute Zensuren. Außerdem gab es damals in Körnitz fast ausschließlich Deutsche und Menschen, die sich als Schlesier bezeichneten. Polnische Kinder, die wegen ihrer Sprachkenntnisse uns gegenüber im Vorteil gewesen wären, gab es noch nicht. Wir waren also unter uns.

Auch Mutti ist zur Schule gegangen. Sie hat in der Abendschule Polnisch gelernt.

Unsere evangelische Kirche war völlig zerstört. Es gab keine evangelischen Gottesdienste mehr. Daher habe ich die katholischen Gottesdienste besucht und auch am Kommunionunterricht teilgenommen. Der Pfarrer freute sich über meinen Lerneifer und hat mich als Vorbild für die katholischen Kinder hingestellt. Das war nicht angenehm. Ich hatte Angst, dass die katholischen Kinder mich als Streberin betrachten.

Ein Vorfall aus meiner Jugendzeit in Körnitz ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war Winter. Auf den Straßen lag Schneematsch. Ich wollte am nächsten Sonntag in den katholischen Gottesdienst gehen. Meine Mutter war dagegen, weil meine Schuhe völlig verschlissen waren. Ich war sehr traurig. Am Wochenende kam plötzlich von unseren Verwandten aus der Schweiz ein Paket mit Kleidung und Schuhen für mich. Ich dankte dem lieben Gott für dieses Wunder und konnte zum Gottesdienst gehen.

Nicht alle Verwandte waren nach dem Kriegsende in der Heimat geblieben. Der jüngere Bruder meiner Mutter, Onkel Ernst, hatte bis zu seiner Einberufung in Ostpreußen gelebt. Im Krieg geriet er in französische Gefangenschaft. Seine Frau war nach Metzingen in Baden-Württemberg geflüchtet. Dorthin wurde er aus der Gefangenschaft entlassen. Er bemühte sich, uns in den Westen zu holen. Ende 1950 konnten wir ausreisen. Ich vermute, dass die schweizerische Staatsangehörigkeit unserer Mutter die Ausreise erleichtert hat.

Friedrich Zempel

Bitte erzählen Sie noch, wie es nach der Ausreise aus dem polnisch gewordenen Schlesien weiter ging.

Hannelore Schimmer

Ende 1950 kamen wir bei Onkel Ernst in Metzingen an. Materiell war das zunächst keine Verbesserung. Wir lebten von der Hoffnung auf bessere Zeiten. Meine Mutter und mein kleiner Bruder konnten bei dem Onkel schlafen. Meine Schwester und ich schliefen bei einer anderen Familie. Diese Situation dauerte einige Monate. 1951 zogen wir zu einer pflegebedürftigen Lehrerwitwe. Als Ersatzleistung für die Miete übernahm meine Mutter die Pflege.

Trotz meines hervorragenden Schulabschlusses aus Schlesien musste ich noch ein halbes Jahr die deutsche Volksschule besuchen. Weil ich einige Jahre keine deutsche Schule besucht hatte und wegen unserer völlig unzureichenden Wohnverhältnisse waren meine schulischen Leistungen schlecht. Auf diese Ursachen nahmen die Lehrer in der Volksschule keine Rücksicht. In Körnitz waren Mathematik und Algebra meine Lieblingsfächer. In Metzingen hatte ich in diesen Fächern Probleme, weil ich viel Zeit brauchte, um die Textaufgaben zu verstehen. Außerdem machten mir die deutsche Grammatik, Orthographie und Interpunktion Schwierigkeiten. Wegen meiner vielen Fehler in den Diktaten wurde ich bestraft. Manchmal gab es für Fehler sogar Schläge auf die Hände. Das empfand ich als sehr ungerecht.

Glücklicherweise gab es in dem Haushalt der Lehrerwitwe ein Klavier. Weil ich zuhause in Schlesien Klavierunterricht gehabt hatte, durfte ich das Klavier benutzen. So fand ich etwas Trost.

Im Sommer 1951 machte ich bei einer Wirtschaftsfachschule die Aufnahmeprüfung. Leider fiel ich durch. Daraufhin sprach meine Mutter mit dem Direktor und erklärte ihm die Gründe für mein Versagen. Er antwortete ihr: “Wir wollen es mit ihr versuchen.“ Nach Überwindung der Anfangsschwierigkeiten erreichte ich wieder fast so gute Noten wie in Körnitz.

Gerne hätte ich die Schule bis zum Abitur besucht, um danach zu studieren. Das konnte sich meine Mutter aber finanziell nicht leisten. Sie wollte unseren Vater nicht für tot erklären. Aus diesem Grund bekam sie keine Witwen- und wir Kinder keine Waisenrente. Ich musste daher 1954 die Schule mit einem mittleren Abschluss verlassen und mir eine Arbeitsstelle suchen.

Trotz aller Probleme war mein Abschluss so gut, dass ich eine Stelle bei der Regierungsoberkasse in Metzingen bekam. Dort habe ich bis 1956 gearbeitet.

In der Heimat wurden wir Kinder vor dem Krieg wegen der gesellschaftlichen Stellung unserer Eltern wie Prinzessinnen und Prinz behandelt. Jetzt waren wir die “Zugelaufenen“. Wir hatten unsere gesellschaftliche Stellung verloren. Man erwartete von uns, dass wir uns anpassten und unterordneten. Zu diesem Abstieg war ich nicht bereit. Ich wollte raus aus der Misere, andere Länder und andere Sprachen kennenlernen. 1957 nahm ich eine Stelle als Kindermädchen und Haushaltshilfe bei einer Arztfamilie in England an. Das traute ich mir zu; denn in Körnitz hatte ich nach dem Krieg bereits als Jugendliche schwer arbeiten müssen.

Als ich meine neue Chefin kennenlernte, erlebte ich eine besondere Überraschung. Vor dem Krieg hatte sie einige Zeit auf dem Rittergut einer adligen Familie in Schlesien verbracht und diese Zeit in besonders guter Erinnerung. Ressentiments gegenüber uns Deutschen gab es in dieser Familie ebenso wenig wie unter den vielen Bekannten, zu denen auch Familien aus dem englischen Hochadel gehörten. Ich merkte, dass es innerhalb des Adels über die nationalen Grenzen hinweg gute Beziehungen gab.

Um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, besuchte ich Lehrgänge an der cambridge university.

Nach dem Jahr in England habe ich 1958 bei einer Familie in Paris eine Stelle für ein Jahr angenommen. In Paris bekam ich nicht nur auf der Straße, sondern sogar bei meinen Arbeitgebern viel Abneigung gegenüber uns Deutschen zu spüren. Sprachlich konnte ich von meiner Arbeit nicht profitieren, weil die Kinder im Babyalter waren. Ich habe aber Abendkurse an der Sorbonne besucht.

Die Kursteilnehmer kamen aus der ganzen Welt. Leider wechselte ich die Stelle erst nach den langen französischen Sommerferien. Ich kam nun in eine sehr liebe Familie mit drei netten Kindern und verlängerte meinen Aufenthalt um zwei Monate.

Ende 1959 kehrte ich nach Deutschland zurück. Nun wollte ich Spanisch lernen. Das klappte aber noch nicht so schnell. Ich war daher froh, dass ich durch Vermittlung meiner Schweizer Cousine Esther eine Stelle in der Schweiz bekam. Esther leitete ein Hotel. Ich wurde ihre Hotelgouvernante. Die Arbeit war körperlich nicht schwer, aber mit viel psychischer Belastung verbunden; denn ich musste Personal beaufsichtigen, das wesentlich älter war als ich. Diese Situation war mir neu. Trotzdem verlängerte ich meinen Arbeitsvertrag um eine weitere Saison, weil ich zunächst keine Aufenthaltsgenehmigung für Spanien bekam.

Glücklicherweise hatte der Onkel einer Freundin ein Juweliergeschäft in Madrid. Er gab in einer bedeutenden Zeitung ein Stellengesuch auf. Durch die Anzeige erhielt ich 1961 eine Stelle als Hauslehrerin in einer Familie mit 4 Jungen.

In Madrid lernte ich meinen späteren Mann kennen. Ich beschloss, in Spanien zu bleiben. 1967 haben wir geheiratet. Traurig war, dass außer meiner Mutter niemand von meinen deutschen Verwandten zu unserer Hochzeit kam. Mit der Heirat musste ich mein "Vagabundenleben“ aufgeben und sesshaft werden.

Seit meiner “Sesshaftwerdung“ konnte ich die Kontakte mit alten Freundinnen und Bekannten aus Körnitz wieder besser pflegen. Mehrere alte Freundinnen und Bekannte haben mich in Spanien besucht. Als über Körnitz ein Heimatbuch geschrieben wurde, beteiligte ich mich mit eigenen Beiträgen.

2014 habe ich mit der Familie meiner Nichte Beate, die seit der Wiedervereinigung in Freital / Sachsen lebt, Körnitz besucht. Ich traf nicht nur Bekannte, mit denen ich immer Kontakt gehalten habe, sondern konnte eingeschlafene frühere Bekanntschaften auffrischen.

Sie sehen, lieber Herr Zempel, ich habe noch immer einen Koffer in Körnitz.

Friedrich Zempel

Sehr verehrte Frau Schimmer, ich danke Ihnen für das Interview.

Mario Morgner verstorben

Wir haben einen guten Freund verloren.

Am 13. September verstarb nach langer schwerer Krankheit unser Freund Mario Morgner, Mitglied im Landesvorstand des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz.

Mit unseren Gedanken sind wir bei seiner Familie, die wir auch kennen lernen durften und die ihn bei seiner Verbandsarbeit unterstützten.

Mario Morgner wurde am 20. Dezember 1966 geboren. Er stammte aus keiner Familie von Vertriebenen oder Spätaussiedlern, aber er hatte sich intensiv mit den Heimatgebieten der Vertriebenen und Spätaussiedler und deren Schicksal befasst. Er hatte unter anderem ein Buch über das Bernsteinzimmer sowie Artikel über die Heimatgebiete für die allgemeine Presse geschrieben. Mehrere Hilfstransporte hat er nach Rumänien organisiert und durchgeführt. Unsere Heimatgebiete und das Schicksal der Deutschen aus Russland waren für ihn keine weißen Blätter.

Ich lernte Mario Morgner bei der Gründung des Landesverbandes am 3.September 2011 kennen. Er war Delegierter des BdV-Kreisverbandes Vogtland. Hubertus Unfried schlug vor, ihn als Vertreter des BdV-Kreisverbandes Vogtland und für die Pressearbeit in den Vorstand zu wählen. Viele Delegierte waren zunächst skeptisch, weil Mario Morgner bis dahin nicht auf der Landesebene aktiv gewesen war. Aber da er die Empfehlung des Vorsitzenden seines Kreisverbandes, Dr. Herbert Gall, mitbrachte, wurde er in den Landesvorstand gewählt.

Die Wahl von Mario Morgner in den Landesvorstand erwies sich als großer Glücksfall. In den folgenden Jahren realisierte Mario eine Reihe von Projekten: Betreuung und Ausbau der Wanderausstellungen, Organisation von Veranstaltungen wie der Tag der Heimat, Treffen der Chöre, Workshops, 3 Schülerwettbewerbe einschließlich der dazugehörigen Internetseite sowie die Erstellung eines Kalenders, eines Malbuches und eines Memospiels, Mitarbeit an verschiedenen Publikationen, beispielsweise einem Buch über die Wiesenbaude.

Eine große Leistung vollbrachte Mario mit der Digitalisierung und Verschlagwortung von über 200 Zeitzeugenberichten über Flucht und Vertreibung. Mit einer sorgfältig ausgewählten und angepassten Software schuf er für die Berichte ein interaktives Online-Archiv, das eine große Resonanz bei Wissenschaftlern und Journalisten findet.

Von besonderer Bedeutung für den Landesverband war die Herausgabe und Redaktion der Verbandszeitung “Vertriebene und Spätaussiedler in Sachsen“. Er leistete die gesamte redaktionelle und gestalterische Arbeit sowie die Verteilung und den Versand von 26 Ausgaben. Viele Artikel schrieb er selbst. Das war der einfachere Teil der Arbeit. Schwieriger war es sicherlich, die zugesandten Beiträge zu kürzen und stilistisch zu überarbeiten. Man kann davon ausgehen, dass jede Ausgabe 60-80 Arbeitsstunden erforderte.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles erwähnt habe, was er für den Landesverband getan hat. Wenn ich etwas vergessen habe, würde das aber seiner Wertschätzung keinen Abbruch tun. Mario Morgner war nicht nur fleißig, sorgfältig, umsichtig, fachlich qualifiziert und innovativ, sondern vor allem ehrlich, freundlich zu jedermann, ausgeglichen, verlässlich, hilfsbereit, großzügig und selbstlos. Ich bin mir sicher, dass er für viele von uns einer der besten Freunde war.

Friedrich Zempel

Wissenschaftler mit schlesischen Wurzeln

Winfried Schirotzek

Die wissenschaftlichen Leistungen von Persönlichkeiten mit schlesischen Wurzeln können kaum überschätzt werden. Keine andere deutsche Region hat so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie Schlesien: 12 wurden in Schlesien geboren, ein weiterer wurde als Sohn schlesischer Eltern nach deren Vertreibung in Nordrhein-Westfalen geboren. Alle außer dem Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann sind bzw. waren Wissenschaftler. Drei von ihnen sollen hier kurz gewürdigt werden.

Der erste Schlesier, der einen Nobelpreis erhielt, war Paul Ehrlich, der 1854 im niederschlesischen Strehlen in einer jüdischen Unternehmerfamilie geboren wurde. Nach dem Besuch des traditionsreichen Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau studierte er in Breslau und Straßburg Medizin und erwarb 1878 in Leipzig den Doktorgrad. Schon während des Studiums hatte Ehrlich sich mit Farbstoffen und der Färbung von Geweben befasst. Eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Doktorarbeit war die Entdeckung einer neuen Zellart.

Nach verschiedenen Zwischenstationen berief Robert Koch ihn 1891 an das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Fünf Jahre später wurde er Gründungsdirektor des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung, das später nach Frankfurt am Main verlegt und in Institut für experimentelle Therapie umbenannt wurde. Dort widmete sich Ehrlich Experimenten zur Immunisierung durch die Verwendung von Giftstoffen. In diesem Zusammenhang gelangen ihm eine theoretische Fundierung der Immunologie und die Standardisierung von Impfstoffen. Für diese Arbeiten wurde er 1908 mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt. Weiter befasste er sich mit der Erforschung chemischer Verbindungen, die das Wachstum schädlicher Körperzellen hemmen oder schädliche Mikroorganismen bekämpfen. Gemeinsam mit seinem japanischen Mitarbeiter Sahachiro Hata fand er eine Arsenverbindung, Salvarsan genannt, die sich als wirksam gegen Syphilis erwies.

Der Schlüssel für Paul Ehrlichs beeindruckende wissenschaftliche Leistungen war die konsequente Anwendung der Chemie in der Medizin. Er ist der Vater der Chemotherapie.

Im heute polnischen Strzelin gibt es ein Heimatmuseum, in dem auch die deutsche Geschichte der Stadt präsentiert wird. In einem Raum sieht man Paul Ehrlich an seinem Schreibtisch. Falk Pusch, aktives Mitglied des Landesverbands Sachsen der Landsmannschaft Schlesien, hat familiäre Wurzeln in Strehlen und pflegt gute Kontakte zu den heutigen Einwohnern. Er hat 2015 Exponate der Bundesheimatgruppe Strehlen dem Museum in Strzelin zur Verfügung gestellt.

Der Schlesier Max Born gehört zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1882 in einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie in Breslau. Dort und unter anderem in Göttingen studierte er Mathematik, Physik und Astronomie. In Göttingen hörte er auch Vorlesungen bei dem aus Königsberg stammenden Mathematiker David Hilbert, dessen Forschungen die Mathematik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägten. Mit einer Arbeit zur Lichtbrechung in Kristallen erlangte Born den Doktorgrad in Physik. Ab 1915 war Born außerordentlicher Professor für theoretische Physik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er unter anderem mit Albert Einstein und Max Planck zusammenarbeitete.

Im Jahre 1921 wurde Born zum Direktor des Instituts für theoretische Physik an die Göttinger Universität berufen. Dort entwickelte er in den folgenden Jahren gemeinsam mit Werner Heisenberg und anderen die moderne Quantenmechanik. Das ist ein Teilgebiet der theoretischen Physik, welches Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten im atomaren Bereich erforscht. Hierzu sind abstrakte mathematische Strukturen und Begriffe erforderlich, die von Mathematikern und Physikern in wechselseitiger Anregung geschaffen wurden. Für seine grundlegenden Beiträge zur Quantenmechanik erhielt Max Born 1954 den Nobelpreis für Physik.

Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Born 1933 die Göttinger Universität verlassen. Er emigrierte nach Großbritannien, wo er zunächst in Cambridge und ab 1936 in Edinburgh seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen konnte. 1953 kehrte Born nach Deutschland zurück. Obwohl inzwischen im Ruhestand, nahm er an gesellschaftspolitischen Debatten aktiv teil. Unter anderem gehörte er 1957 zu den Initiatoren der Göttinger Erklärung, die sich gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr wandte.

Die einzige Frau unter den schlesischen Nobelpreisträgern ist Maria Goeppert-Mayer. Sie erhielt die Auszeichnung 1963 im Fach Physik; außer ihr haben weltweit bisher nur zwei weitere Frauen den Preis in diesem Fach erhalten.
Maria Goeppert wurde 1906 im oberschlesichen Kattowitz geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Göttingen erwarb sie dort 1924 an einer Knabenschule (!) das Abitur und studierte zunächst Mathematik. Als sie Vorlesungen bei Max Born zur Quantenmechanik hörte, war sie sofort von diesem Gebiet fasziniert und wechselte zum Studium der Physik. Born wurde ihr akademischer Lehrer, bei ihm promovierte sie 1930 in theoretischer Physik.

Im selben Jahr heiratete sie den US-amerikanischen Physikochemiker Joseph Mayer, mit dem sie in die USA übersiedelte. Dort bestand für Maria Goeppert-Mayer zunächst keine Möglichkeit einer Tätigkeit als Wissenschaftlerin. Doch ihr Ehemann bewegte sie zur Mitarbeit an einem Lehrbuch zur statistischen Mechanik, das sehr erfolgreich wurde. Später arbeitete sie an verschiedenen Universitäten.

Ihre herausragende Leistung war die Entwicklung eines Schalenmodells für Atomkerne. Lange bekannt war das Schalenmodell für die Atomhülle, wonach sich in einem Atom stets eine bestimmte Anzahl von Elektronen auf demselben Energieniveau befindet. Die verschiedenen Energieniveaus werden als „Schalen“ interpretiert, die den Atomkern konzentrisch in unterschiedlichen Abständen umgeben. Das chemische Verhalten eines Elements hängt im Wesentlichen von der Anzahl der Elektronen auf der äußersten Schale ab. Ein entsprechendes Modell für den Atomkern wurde zunächst nicht für möglich gehalten. Bekannt war jedoch, dass Atome mit bestimmten Anzahlen von Protonen bzw. Neutronen besonders stabil sind. Maria Goeppert-Mayer gelang es 1948, ein Schalenmodell zu entwickeln, welches dieses Phänomen quantenmechanisch erklärt. Es stellte sich heraus, dass nahezu gleichzeitig Hans D. Jensen in Deutschland zu demselben Ergebnis gekommen war. Die beiden Forscher, die sich bis dahin nicht kannten, entwickelten nun eine kollegiale Beziehung. 1955 veröffentlichten sie gemeinsam ein Buch über das Schalenmodell des Atomkerns. Dafür erhielten 1963 beide den Nobelpreis für Physik.

Im Jahre 1999 wurde der letzte Nobelpreis an einen in Schlesien vor 1945 geborenen Wissenschaftler verliehen: an den Mediziner Günter Blobel. Er ist unter anderem durch seine großzügige Förderung des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche in Sachsen gut bekannt. Auch anlässlich seines Todes im vergangenen Jahr wurde er ausführlich gewürdigt. Daher sei hier auf eine Würdigung verzichtet.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Pariser Vorortverträge für die Deutschen in Mittel- und Osteuropa

Winfried Schirotzek

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Ein reicher, fast vergessener Schatz:

deutschsprachige Literatur aus Böhmen und Mähren

Winfried Schirotzek

Schriftsteller aus Böhmen und Mähren haben in der Vergangenheit die deutschsprachige Literatur in kaum überschaubarer Weise bereichert. Die Grundlage hierfür war die Siedlung von Deutschen in diesen Gebieten, die im 12. und 13. Jahrhundert von der tschechischen Dynastie der Přemysliden initiiert wurde. Deutsche Bauern und Handwerker wirkten an der Erschließung des Landes mit. Die Silbererzvorkommen um Iglau/Jihlava und Kuttenberg/Kutná Hora wurden unter anderem von Bergleuten aus dem Freiberger Raum abgebaut.

Einer der ältesten Belege für eine deutsche Gemeinde in Prag ist der Freiheitsbrief von Herzog Sobieslaw II. aus dem Jahre 1176. Darin räumt der Herzog den Deutschen ein, nach ihrem Recht zu leben. Diese Freiheit ging so weit, dass die deutschen Kaufleute die ab dem 14. Jahrhundert erbaute Teynkirche am Altstädter Ring als ihr Gotteshaus nutzen konnten.
Deutsche waren also seit dem Mittelalter maßgeblich an der wirtschaftlichen Entwicklung Böhmens und Mährens beteiligt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auch auf kulturellem Gebiet schöpferisch hervortraten. Hier soll es um ihre Beiträge zur deutschen Literatur gehen.

Der zeitliche Bogen spannt sich vom Spätmittelalter bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In Böhmen schuf Johannes von Tepl (auch Johannes von Saaz genannt) um 1400 mit dem Werk Der Ackermann aus Böhmen eine der bedeutendsten deutschen Dichtungen des Spätmittelalters. Geschrieben ist das Werk in frühneuhochdeutscher Sprache. Hoch emotional klagt ein Ackermann den Tod an, der ihm seine geliebte Frau geraubt hat. Zitat in heutigem Deutsch: „Grimmiger Tilger aller Leut, schädlicher Ächter aller Welt, furchtbarer Mörder aller Menschen, Tod, seid verflucht!“ Und in dieser Weise geht es wortgewaltig weiter. Der Tod hält dagegen, dass er keinen Unterschied macht zwischen Alten und Jungen, Guten und Bösen. Er argumentiert kühl, manchmal auch zynisch. So rät er dem Ackermann, sich eine neue Frau zu suchen. Dieses Streitgespräch mit den zwei unterschiedlichen Stilebenen ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich von hoher Qualität.

Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist vor allem der im Böhmerwald beheimatete Adalbert Stifter zu nennen. Er verbindet detailreiche, liebevolle Naturschilderungen mit menschlichen Schicksalen, wie z. B. in der anrührenden Novelle Bergkristall über zwei Kinder, die sich in den Bergen verirrt haben.

Die aus Mähren stammende Marie von Ebner-Eschenbach nimmt mit ihren psychologischen Erzählungen einen bedeutenden Platz in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts ein. In dem Roman Das Gemeindekind beschreibt sie die sozialen Verhältnisse in einem dörflichen Milieu sehr genau und benennt verfestigte Vorurteile gegenüber Benachteiligten.
Die literarische Kreativität deutsch-böhmischer und deutsch-mährischer Autoren erreichte ihren Höhepunkt in der Zeitspanne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Münchner Abkommen 1938; ihr Zentrum war Prag. Man spricht daher vom Kreis der Prager deutschsprachigen Schriftsteller, auch kurz Prager Kreis genannt.

Der deutsch-böhmische Germanist und Literaturwissenschaftler Kurt Krolop, der wie kaum ein anderer den Prager Kreis erforscht hat, zählt in einem Essay von 1984 – stellvertretend, wie er sagt – 22 Autoren dieses Kreises auf. An einige sei zunächst in aller Kürze erinnert. Johannes Urzidil aus Prag war Journalist und Schriftsteller. In den 1950er Jahren verfasste er im amerikanischen Exil den aus einzelnen Episoden bestehenden Roman Die verlorene Geliebte. Der Titel hat eine doppelte Bedeutung: Er bezieht sich nicht nur auf eine Frau, sondern er ist auch ein wehmütiger Rückblick auf das für Deutsche verlorene alte Prag und Böhmen. Egon Erwin Kisch, ebenfalls in Prag geboren, war ein vielseitiger Journalist und Reporter, der sich aus einer linken Position sowohl für politische als auch soziale Fragen engagierte. Rainer Maria Rilke, obwohl in Prag geboren, ist dem Prager Kreis nur im weiteren Sinne zuzurechnen. Er hat Erzählungen und einen Roman verfasst, war aber vor allem ein bedeutender Lyriker. Viele seiner Gedichte erzeugen in ihrer metaphernreichen, auserlesenen Sprache eine unmittelbare emotionale Wirkung. Das dreistrophige Gedicht Herbsttag verknüpft kunstvoll Jahres- und Lebenszeit. Es beginnt mit der Strophe „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß./Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,/und auf den Fluren lass die Winde los.“ Dann folgt eine Apotheose des Spätsommers. Die letzte Strophe wirft einen einfühlsamen Blick auf jene, die die Zeit der Ernte nicht nutzen konnten; sie beginnt mit dem Vers: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Nun soll auf Persönlichkeiten des engeren Prager Kreises etwas näher eingegangen werden. Alle waren Juden. Das ist nicht verwunderlich, denn in Prag waren Juden seit dem 11. Jahrhundert ansässig. Die Prager jüdische Gemeinde gehörte zu den größten in Europa. Die überwiegende Zahl ihrer Mitglieder bekannte sich zur deutschen Kultur.

Zuerst sei an einen zu Unrecht wenig bekannten Autor erinnert: an den aus Südmähren stammenden Ludwig Winder. Als Feuilletonredakteur einer deutschsprachigen Prager Zeitung, die ab 1918 Deutsche Zeitung Bohemia hieß, hatte Winder zu vielen Autoren des Prager Kreises Kontakt. Er verfasste zahllose Theaterkritiken, Buchrezensionen und Essays, wodurch er das deutsche Geistesleben in Prag maßgeblich mitprägte. Winders literarisches Hauptwerk ist der Roman Der Thronfolger.

Zunächst ein kurzer historischer Exkurs: Seit 1526 waren die Länder der böhmischen Krone (die böhmischen Länder), also Böhmen, Mähren und Schlesien, Territorien der Habsburger Monarchie. Nach der Eroberung durch Friedrich II. (den Großen) gehörte der größte Teil Schlesiens ab 1742 zu Preußen. Seit 1848 wurde die Habsburger Monarchie von Kaiser Franz Joseph I. regiert. Ungarn erreichte 1867 einen Autonomiestatus in allen innenpolitischen Fragen. Franz Joseph I. wurde zum König von Ungarn gekrönt. Nun sprach man von der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Nach dem Freitod des Kronprinzen Rudolf war des Kaisers Neffe Franz Ferdinand der rechtmäßige Thronfolger. Der war ein verschlossener, misstrauischer Mensch. Sowohl am kaiserlichen Hof als auch beim Volk war er unbeliebt. Aber er war ehrgeizig und wollte die in erstarrtem Zeremoniell verharrende Monarchie reformieren. Das erweckte den Argwohn des Kaisers und des gesamten Hofstaates. Die Ablehnung gegenüber Franz Ferdinand verstärkte sich durch die Wahl seiner Ehefrau, einer Gräfin Chotek. Die stammte zwar aus uraltem böhmischem Adel, doch den Habsburgern galt sie als nicht ebenbürtig. Ihre und ihrer Kinder Stellung am Hofe wurde in demütigender Weise bürokratisch geregelt. Sie war vermutlich der einzige Mensch, dem Franz Ferdinand herzlich verbunden war. Politisch strebte Franz Ferdinand an, den südslawischen Völkern der Doppelmonarchie eine größere Autonomie einräumen. Dadurch wurde er zum Hassobjekt

Serbiens, das selbst Großmachtambitionen hatte. Damit war der Boden bereitet für das Attentat von Sarajevo, bei dem Franz Ferdinand und seine Gemahlin getötet wurden. Niemand trauerte um den Thronfolger, doch seine Ermordung löste schließlich den Ersten Weltkrieg aus.1

Diesen historischen Sachverhalt verknüpft Winder meisterhaft mit fiktiven Handlungselementen. Bemerkenswert ist das psychologische Einfühlungsvermögen, mit dem er den unbeliebten Thronfolger ausgewogen porträtiert. Das Buch ist aber, über dieses gelungene Porträt hinaus, eine beachtliche Darstellung der Endphase der Doppelmonarchie.2

1939 flüchtete Winder nach Großbritannien, wo er sich einer Gruppe deutscher NS-Gegner aus der Tschechoslowakei anschloss. Er vertraute darauf, dass nach dem Krieg ein „brüderliches Zusammenleben mit den Tschechen und Slowaken“ gelingen würde. 1946 wollte er in die „befreite Heimat“, wie er schrieb, zurückkehren. Doch im Juni desselben Jahres ist er gestorben. So blieb ihm die desillusionierende Erfahrung der Vertreibung erspart.

Die herausragende Persönlichkeit des Prager Kreises war Franz Kafka, der 1883 in Prag geboren wurde. Die Protagonisten seiner zahlreichen Erzählungen und drei unvollendeter Romane sind in der Regel Menschen, die einer unheimlichen Macht oder undurchschaubaren Entscheidungen ausgesetzt sind. In dem Roman Das Schloss kommt die Hauptgestalt, K. genannt, in ein Dorf, das unter der Herrschaft eines Schlosses steht. Er wird darauf hingewiesen, dass er sich in dem Ort nur mit einer Genehmigung aus dem Schloss aufhalten dürfe. In vielfältiger Weise bemüht K. sich um diese Genehmigung. Er wendet sich an Dorfbewohner. Die stehen offenbar unter einer rätselhaften Bedrohung durch das Schloss und weichen ihm aus. Er trifft auf Beamte aus dem Schloss, die ihm aber auch nicht helfen können oder wollen. Dann bricht der Text ab, K. hat die erstrebte Genehmigung nicht erhalten.

In einer sehr klaren Sprache schildert Kafka dieses alptraumhafte Geschehen, das viele Interpretationen zulässt. Vermutlich sind Kafkas berufliche Erfahrungen eingeflossen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag arbeitete er als Beamter an der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ in Prag. Dort wurde er mit vielen persönlichen Schicksalen konfrontiert, die er aber nur als „Versicherungsfall“ registrieren und klassifizieren konnte. Aus der Sicht der Betroffenen waren die Versicherungsbescheide gewiss oft undurchschaubar.

Der Roman kann aber auch als eine Reflexion der politischen Umbrüche gedeutet werden. Kafka arbeitete bis 1922 an dem Werk. Vier Jahre zuvor war mit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zerfallen. Nachdem im Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik proklamiert worden war, mussten Deutschböhmen, Deutschmährer und Sudetenschlesier vielfach feststellen, dass sie in ihrer angestammten Heimat nun als unerwünschte Minderheit angesehen wurden. Und sie kämpften darum, weiterhin dazu zu gehören. Eine Episode des Romans spiegelt eine solche Situation sehr deutlich wider. In einem Gespräch zwischen K. und einer Dorfbewohnerin sagt K.: „Auswandern kann ich nicht“ und noch einmal verstärkt: „…ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hier bleiben.“

Kafka erlebte die Veröffentlichung des Schloss-Romans nicht mehr. 1924 ist er 41jährig an Lungentuberkulose gestorben. Er hatte verfügt, dass die Romanfragmente nach seinem Tod vernichtet werden sollen. Sein langjähriger Freund, Förderer und Nachlassverwalter, der ebenfalls zum Prager Kreis gehörende Max Brod, folgte dieser Verfügung nicht. Er setzte sich nach Kafkas Tod unermüdlich für dessen Werk ein. Das Fragment des Schloss-Romans veröffentlichte er 1926.

Ein sehr erfolgreiches Mitglied des Prager Kreises war Franz Werfel, der 1880 in Prag geboren wurde. Zunächst trat er mit expressionistischer Lyrik hervor. Im Café Arco in der Prager Neustadt (Nové Město) versammelte er deutsche Schriftsteller und Künstler um sich und rezitierte seine Gedichte. Schließlich wandte Werfel sich aber der Prosa zu. Besonders populär wurde sein Buch Verdi. Roman der Oper von 1924. Darin schildert er sehr einfühlsam eine Schaffenskrise des großen italienischen Komponisten. Ausgelöst wurde die Krise von Selbstzweifeln Verdis angesichts der Erfolge, die Richard Wagner mit seinem ganz anderen Opernstil feierte.

Werfels Hauptwerk ist der umfangreiche historische Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh. Der Hintergrund ist der Völkermord der Osmanen an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges. Bei Massendeportationen von Armeniern in die syrische Wüste kamen schätzungsweise mehr als eine Million Menschen ums Leben. Der Roman behandelt eine historisch belegte Episode dieser Vorgänge. Um sich gegen die Deportation zur Wehr zu setzen, versammeln sich etwa 5000 Armenier aus umliegenden Dörfern auf dem Musa Dagh, dem Moses-Berg. An Zahl und Bewaffnung den Türken hoffnungslos unterlegen, verteidigen sie sich vierzig Tage lang gegen mehrere Angriffe. Schließlich werden die etwa 4000 Überlebenden von französischen Schiffen gerettet. Der Roman ist ein wortgewaltiges Epos: eine meisterhafte Mischung aus historischen Fakten, fiktiven Handlungssträngen und menschlichen Beziehungen. Im Wiener Schillerpark wurde 1998 ein von der Republik Armenien gestiftetes Denkmal mit Werfels Büste und der Inschrift In Dankbarkeit und Hochachtung – das armenische Volk enthüllt.

Auf der Flucht vor dem NS-Regime über die Pyrenäen nach Spanien verbrachten Franz Werfel und seine Frau Alma3 1940 einige Tage im südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes. Dort wurde die heilige Bernadette verehrt, der nach Überzeugung der katholischen Kirche als Vierzehnjähriger die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Der jüdische Schriftsteller Werfel gelobte in Lourdes, sein nächstes Buch über Bernadette zu schreiben, sollte die Flucht nach Amerika glücken. Die Flucht gelang und Werfels Roman Das Lied von Bernadette wurde ein großer Erfolg.

Schließlich ist an die 1916 in Prag geborene jüdische Schriftstellerin Lenka Reinerová zu erinnern. 1939 ging sie nach Paris ins Exil. Dort wurde sie nach der deutschen Besetzung verhaftet, konnte aber schließlich nach Mexico emigrieren. Nach dem Krieg kehrte sie nach Prag zurück. Obwohl ihre gesamte Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen war, hielt sie an der deutschen Sprache als ihrem literarischen Ausdrucksmittel fest. 1952 wurde sie im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ innerhalb der Kommunistischen Partei, der sie angehörte, 15 Monate inhaftiert. Diese Zeit thematisierte sie Jahrzehnte später in dem Buch Alle Farben der Sonne und der Nacht. Auch andere ihrer zahlreichen Erzählungen haben autobiografische Bezüge, viele spielen in ihrer Heimatstadt. 2008 ist sie dort gestorben. Lenka Reinerová war die letzte deutschsprachige Autorin Prags.

Wie steht es heute um das Erbe dieser reichen kulturellen Tradition? 2004 gründeten Lenka Reinerová, der bereits erwähnte Kurt Krolop und František Černý, ehemaliger Botschafter seines Landes in Deutschland, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Seine Aufgabe sieht das Literaturhaus in der „Wahrnehmung und Wiederbelebung des Kulturerbes der deutschsprachigen Literatur aus den böhmischen Ländern“. Seit 2015 gibt es außerdem an der Prager Karlsuniversität eine Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur. Zum Umfang des Forschungsgegenstandes sagte Manfred Weinberg, der Leiter der Forschungsstelle, im Prager Rundfunk: „Das Problem dabei ist, dass wir – sehr vorsichtig gesprochen – mindestens zwanzig Leute für zehn Jahre bräuchten, wenn wir das alles untersuchen wollten.“ Literaturhaus und Forschungsstelle führen – teilweise gemeinsam – Tagungen durch, zu denen regelmäßig auch Literaturwissenschaftler aus Deutschland eingeladen werden.

1 Die Ursachen des Krieges waren allerdings außerordentlich vielschichtig.
2 Auf andere, aber gleichermaßen beeindruckende Weise hat der aus Galizien stammende Joseph Roth den Abgesang der Doppelmonarchie in seinem Roman Radetzkymarsch gestaltet.
3 Alma Mahler-Werfel war eine kunstsinnige, attraktive Frau, die viele schöpferische Persönlichkeiten inspirierte. Sie war mit dem aus Mähren stammenden Komponisten Gustav Mahler verheiratet. Nach dessen Tod heiratete sie den Architekten Walter Gropius und nach der Scheidung von diesem schließlich Franz Werfel.

Der Vertrag von Trentschin

Der Vertrag von Trentschin wurde am 24. August 1335 auf der Burg Trentschin in der gleichnamigen damals ungarischen Stadt Trentschin (ungarisch Trencsén, heute Trenčín in der Slowakei) abgeschlossen und am 9. Februar 1339 in Krakau ratifiziert.

Vertragsparteien waren der böhmische König Johann von Luxemburg und dessen Sohn Markgraf Karl sowie der polnische König Kasimir der Große. Als Vermittler bei den Vertragsverhandlungen wirkte Kazimirs Schwager, der ungarische König Karl von Anjou. Deshalb fanden die Verhandlungen auf seiner Burg Trentschin statt, die unweit der Grenze zu Schlesien und Böhmen im Nordwesten der jetzigen Slowakei liegt.

Mit dem Vertrag gab Kazimir der Große alle Ansprüche Polens auf die von den Piasten dominierten schlesischen Territorien auf ewige Zeiten auf.

Mit dem Vertrag wurde die politische Trennung Schlesiens von Polen festgelegt.
Im Gegenzug verzichteten Johann von Luxemburg und sein Sohn Karl auf den polnischen Königstitel, den sie von den Přemysliden ererbt hatten.
Nach dem Tod Johanns von Luxemburg, dem 1347 dessen Sohn Karl IV. als König von Böhmen folgte, wurden die Bestimmungen des Trentschiner Vertrages nochmals zwischen Kazimir dem Großen und Karl IV. mit dem Vertrag von Namslau 1348 bekräftigt.

Kazimirs Nachfolger Ludwig I. bestätigte 1372 in seiner Eigenschaft als König von Polen die Trentschiner Verzichtserklärung in vollem Umfang.
Die mit dem Vertrag festgelegten schlesisch - polnischen Grenzen blieben weitgehend bis 1945 bestehen.
Allerdings gab es nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, bedingt durch das Versailler Diktat, kleinere Grenzverschiebungen, bzw. Gebietsabtretungen. Darunter fiel auch das oberschlesische Industriegebiet.