Erinnerung und Begegnung e.V.
im
Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / Schlesische Lausitz

Aufsätze und Beiträge

Liebe Mitglieder, Landsleute und Freunde des Vereins!

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Redaktionsschluss ist jeweils das Monatsende.

Bei den Zuarbeiten kann es sich um zwei Formen handeln:
  1. um kurze Informationen zur Vertriebenenarbeit (Veranstaltungen): Art, Zeit, Ort, ein Bild
  2. um Aufsätze und Berichte im Umfang von max. 30 Zeilen (12pt) als Word-Datei, dazu ein bis zwei Bilder

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Grußwort von Frau Landtagsvizepräsidentin Andrea Dombois bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung am 8.9.2019 im sächsischen Landtag

Sehr geehrter Herr Landesvorsitzender,
sehr geehrter Herr Dr. Baumann,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bedanke mich für Ihre Einladung zur heutigen Veranstaltung. Gemeinsam erinnern wir im Rahmen des Sächsischen Gedenktages an die Opfer von Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung. Dazu begrüße ich Sie im Namen des Landtagspräsidenten Dr. Matthias Rößler und im Namen der Abgeordneten recht herzlich hier im Sächsischen Landtag.

In diesem Jahr stehen zwei historische Jahreszahlen besonders im Zentrum der Erinnerung: 1919 und 1939. Sie flankieren die Zeitspanne zwischen den beiden Weltkriegen. Das Jahr 1919 ruft uns die Hoffnungen der ersten deutschen Demokratie, geboren aus der Weimarer Reichsverfassung, ins Gedächtnis. Es erinnert uns aber auch an den schleichenden Beginn von Flucht und Vertreibung vieler Deutscher aus Polen und der Tschechoslowakei als Folge des Ersten Weltkriegs. Bis 1939 mussten zirka eine Million Deutsche ihre Heimat in Polen verlassen.

Wie stark der Exodus in einzelnen Gebieten war, zeigen die Volkszählungen von 1910 und 1931. So schrumpfte etwa die deutsche Bevölkerung von Posen, das nach dem Ersten Weltkrieg an Polen zurückgegeben wurde, innerhalb von zwei Jahrzehnten von 42 auf nur noch 2 Prozent. In der Tschechoslowakei und anderen ostmitteleuropäischen Ländern erging es den deutschen Einwohnern ganz ähnlich. Unternehmer wurden bei öffentlichen Aufträgen benachteiligt, Betriebsleiter aufgrund unklarer Bestimmungen inhaftiert oder Geschäfte boykottiert. Jahr für Jahr zwangen solche Repressionen tausende Deutsche, ihre östliche Heimat zu verlassen.

Die Ereignisse zwischen 1919 und 1939 waren dabei nur der traurige Vorgeschmack auf das, was nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte. Den deutschen Opfern der Zwischenkriegsjahre, aber auch Polen und anderen europäischen Bürgern sind wir es schuldig, ihres Leids zu gedenken und die Erinnerungen an sie wachzuhalten.

Das Jahr 1939 mahnt uns an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ausgelöst durch den deutschen Überfall auf Polen vor genau 80 Jahren. Die menschenverachtende Politik des Dritten Reiches sah vor, deutsche Minderheiten in das „Großdeutsche Reich“ umzusiedeln und im gleichen Zuge Angehörige sogenannter „fremder Völker“ auszusiedeln oder zu vertreiben. Besonders hart traf es dabei die Polen. Hinzu kommt das Leid, dass die Nationalsozialisten spätestens mit der Machtübernahme millionenfach über das jüdische Volk brachten. Die europäischen Juden wurden ins Exil getrieben, deportiert und viele von ihnen umgebracht.

Nach 1945 waren geschätzte 15 Millionen Deutsche aus den ostmitteleuropäischen Gebieten auf der Flucht. Sie ließen nicht nur ihre vertraute Heimat zurück, sondern auch häufig ihr gesamtes Hab und Gut. Die Zahl der Toten und auf diesem Wege Vermissten wird auf über zwei Millionen geschätzt. Bis 1950 fanden schließlich zwölf Millionen Heimatvertriebene in der Bundesrepublik, in der DDR und in Österreich Aufnahme. Über eine Million Flüchtlinge und Vertriebene sind damals in Sachsen geblieben.

Einige der heute Anwesenden haben das schwere Leid der Vertreibung und den Verlust ihrer Heimat noch selbst erlebt. Ich spreche Ihnen unsere Hochachtung und Anerkennung aus, wie Sie ihr schweres Schicksal gemeistert haben.
Begriffe wie Schuld oder Sühne können kaum ausdrücken, welches Unrecht Vertriebene, Geflohene und Zwangsausgesiedelte erleben mussten und wie wir heute damit umgehen sollten. Passender empfinde ich hingegen jene Worte, die uns aus dem christlichen Denken vertraut sind. Sie lauten verzeihen, vergeben und versöhnen.

In diesem Sinne wünsche ich dem sächsischen Gedenktag der Heimatvertriebenen ein erfolgreiches Gelingen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit und die sich daraus ergebenden Bewältigung der Gegenwart ist eine Aufgabe an uns alle.

Ich danke Ihnen.

Wissenschaftler mit schlesischen Wurzeln

Winfried Schirotzek

Die wissenschaftlichen Leistungen von Persönlichkeiten mit schlesischen Wurzeln können kaum überschätzt werden. Keine andere deutsche Region hat so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie Schlesien: 12 wurden in Schlesien geboren, ein weiterer wurde als Sohn schlesischer Eltern nach deren Vertreibung in Nordrhein-Westfalen geboren. Alle außer dem Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann sind bzw. waren Wissenschaftler. Drei von ihnen sollen hier kurz gewürdigt werden.

Der erste Schlesier, der einen Nobelpreis erhielt, war Paul Ehrlich, der 1854 im niederschlesischen Strehlen in einer jüdischen Unternehmerfamilie geboren wurde. Nach dem Besuch des traditionsreichen Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau studierte er in Breslau und Straßburg Medizin und erwarb 1878 in Leipzig den Doktorgrad. Schon während des Studiums hatte Ehrlich sich mit Farbstoffen und der Färbung von Geweben befasst. Eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Doktorarbeit war die Entdeckung einer neuen Zellart.

Nach verschiedenen Zwischenstationen berief Robert Koch ihn 1891 an das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin. Fünf Jahre später wurde er Gründungsdirektor des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung, das später nach Frankfurt am Main verlegt und in Institut für experimentelle Therapie umbenannt wurde. Dort widmete sich Ehrlich Experimenten zur Immunisierung durch die Verwendung von Giftstoffen. In diesem Zusammenhang gelangen ihm eine theoretische Fundierung der Immunologie und die Standardisierung von Impfstoffen. Für diese Arbeiten wurde er 1908 mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt. Weiter befasste er sich mit der Erforschung chemischer Verbindungen, die das Wachstum schädlicher Körperzellen hemmen oder schädliche Mikroorganismen bekämpfen. Gemeinsam mit seinem japanischen Mitarbeiter Sahachiro Hata fand er eine Arsenverbindung, Salvarsan genannt, die sich als wirksam gegen Syphilis erwies.

Der Schlüssel für Paul Ehrlichs beeindruckende wissenschaftliche Leistungen war die konsequente Anwendung der Chemie in der Medizin. Er ist der Vater der Chemotherapie.

Im heute polnischen Strzelin gibt es ein Heimatmuseum, in dem auch die deutsche Geschichte der Stadt präsentiert wird. In einem Raum sieht man Paul Ehrlich an seinem Schreibtisch. Falk Pusch, aktives Mitglied des Landesverbands Sachsen der Landsmannschaft Schlesien, hat familiäre Wurzeln in Strehlen und pflegt gute Kontakte zu den heutigen Einwohnern. Er hat 2015 Exponate der Bundesheimatgruppe Strehlen dem Museum in Strzelin zur Verfügung gestellt.

Der Schlesier Max Born gehört zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1882 in einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie in Breslau. Dort und unter anderem in Göttingen studierte er Mathematik, Physik und Astronomie. In Göttingen hörte er auch Vorlesungen bei dem aus Königsberg stammenden Mathematiker David Hilbert, dessen Forschungen die Mathematik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägten. Mit einer Arbeit zur Lichtbrechung in Kristallen erlangte Born den Doktorgrad in Physik. Ab 1915 war Born außerordentlicher Professor für theoretische Physik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er unter anderem mit Albert Einstein und Max Planck zusammenarbeitete.

Im Jahre 1921 wurde Born zum Direktor des Instituts für theoretische Physik an die Göttinger Universität berufen. Dort entwickelte er in den folgenden Jahren gemeinsam mit Werner Heisenberg und anderen die moderne Quantenmechanik. Das ist ein Teilgebiet der theoretischen Physik, welches Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten im atomaren Bereich erforscht. Hierzu sind abstrakte mathematische Strukturen und Begriffe erforderlich, die von Mathematikern und Physikern in wechselseitiger Anregung geschaffen wurden. Für seine grundlegenden Beiträge zur Quantenmechanik erhielt Max Born 1954 den Nobelpreis für Physik.

Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Born 1933 die Göttinger Universität verlassen. Er emigrierte nach Großbritannien, wo er zunächst in Cambridge und ab 1936 in Edinburgh seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen konnte. 1953 kehrte Born nach Deutschland zurück. Obwohl inzwischen im Ruhestand, nahm er an gesellschaftspolitischen Debatten aktiv teil. Unter anderem gehörte er 1957 zu den Initiatoren der Göttinger Erklärung, die sich gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr wandte.

Die einzige Frau unter den schlesischen Nobelpreisträgern ist Maria Goeppert-Mayer. Sie erhielt die Auszeichnung 1963 im Fach Physik; außer ihr haben weltweit bisher nur zwei weitere Frauen den Preis in diesem Fach erhalten.
Maria Goeppert wurde 1906 im oberschlesichen Kattowitz geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Göttingen erwarb sie dort 1924 an einer Knabenschule (!) das Abitur und studierte zunächst Mathematik. Als sie Vorlesungen bei Max Born zur Quantenmechanik hörte, war sie sofort von diesem Gebiet fasziniert und wechselte zum Studium der Physik. Born wurde ihr akademischer Lehrer, bei ihm promovierte sie 1930 in theoretischer Physik.

Im selben Jahr heiratete sie den US-amerikanischen Physikochemiker Joseph Mayer, mit dem sie in die USA übersiedelte. Dort bestand für Maria Goeppert-Mayer zunächst keine Möglichkeit einer Tätigkeit als Wissenschaftlerin. Doch ihr Ehemann bewegte sie zur Mitarbeit an einem Lehrbuch zur statistischen Mechanik, das sehr erfolgreich wurde. Später arbeitete sie an verschiedenen Universitäten.

Ihre herausragende Leistung war die Entwicklung eines Schalenmodells für Atomkerne. Lange bekannt war das Schalenmodell für die Atomhülle, wonach sich in einem Atom stets eine bestimmte Anzahl von Elektronen auf demselben Energieniveau befindet. Die verschiedenen Energieniveaus werden als „Schalen“ interpretiert, die den Atomkern konzentrisch in unterschiedlichen Abständen umgeben. Das chemische Verhalten eines Elements hängt im Wesentlichen von der Anzahl der Elektronen auf der äußersten Schale ab. Ein entsprechendes Modell für den Atomkern wurde zunächst nicht für möglich gehalten. Bekannt war jedoch, dass Atome mit bestimmten Anzahlen von Protonen bzw. Neutronen besonders stabil sind. Maria Goeppert-Mayer gelang es 1948, ein Schalenmodell zu entwickeln, welches dieses Phänomen quantenmechanisch erklärt. Es stellte sich heraus, dass nahezu gleichzeitig Hans D. Jensen in Deutschland zu demselben Ergebnis gekommen war. Die beiden Forscher, die sich bis dahin nicht kannten, entwickelten nun eine kollegiale Beziehung. 1955 veröffentlichten sie gemeinsam ein Buch über das Schalenmodell des Atomkerns. Dafür erhielten 1963 beide den Nobelpreis für Physik.

Im Jahre 1999 wurde der letzte Nobelpreis an einen in Schlesien vor 1945 geborenen Wissenschaftler verliehen: an den Mediziner Günter Blobel. Er ist unter anderem durch seine großzügige Förderung des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche in Sachsen gut bekannt. Auch anlässlich seines Todes im vergangenen Jahr wurde er ausführlich gewürdigt. Daher sei hier auf eine Würdigung verzichtet.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Pariser Vorortverträge für die Deutschen in Mittel- und Osteuropa

Winfried Schirotzek

1. Die Pariser Friedenskonferenz

Am 11. November 1918 unterzeichnete das Deutsche Reich in Compiègne (im Norden Frankreichs) die von Frankreich und dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland vorgelegten Waffenstillstandsbedingungen. Damit endeten die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.

Zwei Monate später begann in Paris die Konferenz der Siegermächte. Das waren die Alliierten Frankreich, das Vereinigte Königreich, die USA und Italien sowie mehr als 20 assoziierte Staaten. Sie berieten über die Friedensbedingungen an die besiegten Mittelmächte, also das Deutsche Reich, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich. Die waren zu den Beratungen nicht zugelassen. Russland bzw. Sowjetrussland, ebenfalls Kriegsgegner der Mittelmächte, war mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk im März 1918 aus dem Krieg ausgeschieden und zur Konferenz nicht eingeladen.

Die Alliierten verfolgten durchaus unterschiedliche Ziele. US-Präsident Wilson hatte bereits im Januar 1918 in einer Rede an den US-Kongress ein Vierzehn-Punkte-Programm verkündet, das er als „das Programm des Weltfriedens“ („the programme of the world's peace“) bezeichnete. Es sah u. a. eine Friedensordnung für Europa auf der Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker vor. Zur Schlichtung von internationalen Konflikten sollte ein Völkerbund aus Repräsentanten möglichst vieler Staaten gegründet werden. Das war ein idealistisches Programm, das den europäischen Verhältnissen nicht gerecht werden konnte. Dazu später mehr.

Das Vereinigte Königreich wollte seine Vorherrschaft auf den Weltmeeren erhalten und drängte deshalb darauf, dass Deutschland den größten Teil seiner Flotte und alle Kolonien verliere. Es strebte zwar eine Schwächung des Deutschen Reiches an, jedoch nur so weit, dass das Reich eine Dominanz Frankreichs auf dem Kontinent noch verhindern konnte.

Frankreich wiederum ging es um harte Bedingungen gegenüber Deutschland. Das Land hatte, neben Belgien, unter dem Krieg besonders gelitten. Auch war die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 noch in schmerzlicher Erinnerung. Die Proklamation des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles war eine tiefe Demütigung Frankreichs. Nun wollte Frankreich Vergeltung und erwartete eine nachhaltige Schwächung Deutschlands. Es war also ein symbolischer Akt von unmissverständlicher Bedeutung, dass der französische Premierminister Georges Clemenceau als Leiter der Friedenskonferenz den Beginn auf den 18. Januar 1919 legte.

In den Jahren 1919 und 1920 verständigten sich die Alliierten schließlich auf fünf Verträge mit den Nachfolgestaaten der Mittelmächte. Diese konnten zu den Verträgen nur schriftlich Stellung nehmen und erreichten kaum Veränderungen. In unterschiedlichen Vororten von Paris wurden die Verträge unterzeichnet und heißen deshalb zusammenfassend Pariser Vorortverträge. Die Friedenskonferenz erarbeitete auch die Satzung des Völkerbundes, die in die Pariser Vorortverträge aufgenommen wurde. Bemerkenswert ist, dass der US-Kongress die Satzung nicht ratifizierte, die USA also nicht Mitglied des Völkerbundes wurden.

2. Der Versailler Vertrag

Der erste der Pariser Vorortverträge, der Versailler Vertrag, betraf Deutschland. Im Mai 1919 hatten die Siegermächte die Friedensbedingungen an das Deutsche Reich bekanntgegeben. Dort lösten die Bedingungen Empörung aus. Das Reich versuchte, die Forderungen abzu-schwächen, aber die Alliierten machten kaum Zugeständnisse. Als Deutschland um weitere Verhandlungen ersuchte, drohten die Alliierten ultimativ mit der Fortsetzung des Krieges. Deutschland musste eine Besetzung des ganzen Reichsgebiets befürchten und unterzeichnete unter Protest am 28. Juni 1919 den Vertrag. Wie der Zeitpunkt des Konferenzbeginns war auch der Ort der Vertragsunterzeichnung von Clemenceau mit Bedacht gewählt: Es war der Spiegelsaal von Versailles. Der US-Kongress lehnte die Ratifizierung des Versailler Vertrages ab und schloss 1921 mit Deutschland einen Separatvertrag (Berliner Vertrag).

Die gravierendste Bedingung des Versailler Vertrages war Artikel 231, der Deutschland und seinen Verbündeten die Alleinschuld am Krieg zusprach. Eine solche moralische Verurteilung eines besiegten Staates hatte es in der Geschichte europäischer Friedensverträge bis dahin noch nicht gegeben.

Die These der Alleinschuld oder mindestens der Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg wird von in- und ausländischen Historikern in größeren Abständen noch immer diskutiert. In den 1960er Jahren vertrat der deutsche Historiker Fritz Fischer in mehreren Publikationen mit zunehmender Vehemenz die Hauptschuldthese und prägte damit nachhaltig die Bewertung der Kriegsschuld in bundesdeutschen Fachkreisen. Einzelne deutsche Wissenschaftler äußerten sich durchaus differen-ziert, doch wurden sie kaum wahrgenommen.

Es blieb dem in Cambridge wirkenden australischen Historiker Christopher Clark vorbehalten, mit einer tiefschürfenden Untersuchung große Beachtung zu finden – auch über Historikerkreise hinaus. Sein 2012 publiziertes Werk „The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914“ erschien im folgenden Jahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Akribisch analysiert Clark die Interessen der verschiedenen Mächte und ihr komplexes Beziehungsgeflecht. Und er arbeitet eine Vielzahl von Kriegsursachen heraus: Expansions-bestrebungen, Selbstüberschätzung, Einkreisungsangst, diplomatische Ungeschicklichkeit, politische Kurzsichtigkeit und Misstrauen, die sich – mit unterschiedlichen Anteilen – bei allen maßgeblichen Akteuren nachweisen lassen und schließlich zur Katastrophe des Krieges führten. Clarks Buch ist sicher nicht das letzte Wort zu dem Thema, aber alle künftigen Untersuchungen werden sich daran messen lassen müssen.

Der Kriegsschuld-Artikel des Versailler Vertrages diente nicht zuletzt dazu, Deutschland maßlose Reparationsforderungen aufzubürden. Als erste, bis 1921 zu leistende Zahlung wurden 20 Milliarden Goldmark gefordert. Um die Höhe dieser Forderung zu ermessen, muss man wissen, dass dies zu jener Zeit 7000 Tonnen Gold entsprach. Die Gesamtsumme wurde später auf 269 Milliarden Goldmark festgesetzt, die in Raten über 42 Jahre gezahlt werden sollte. Über die Zahlungen gab es ein jahrelanges Tauziehen, das schließlich zu deutlichen Reduzierungen führte; darauf kann hier nicht eingegangen werden. Um wieder als gleich-berechtigter Partner in der Weltpolitik agieren zu können, bemühte sich die Reichsregierung, die jeweiligen Ratenzahlungen zu leisten. Dazu musste sie Staatsanleihen bei US-Banken aufnehmen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Zahlungen eingestellt. Die Bundesregierung nahm sie wieder auf. Die letzte Tilgung und Zinszahlung für die Staatsanleihen erfolgte am 3. Oktober 2010 – 92 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Ein schwerer Schlag für Deutschland waren die Gebietsverluste. Deutschland musste Gebiete von insgesamt etwa 13 % seines Territoriums (70.000 km2) abtreten. Davon waren 7,3 Millionen seiner Einwohner, also fast 10 % der Gesamtbevölkerung betroffen. Wir beschränken uns hier auf die

Gebietsverluste Deutschlands im Osten1

Wilsons Vierzehn-Punkte-Programm sah u. a. vor, dass der seit der dritten Teilung (1795) nicht mehr existente polnische Staat wieder errichtet werde und einen Zugang zur Ostsee erhalte. Schon vor Beginn der Friedenskonferenz hatten aufständische Polen die Macht in der Provinz Posen übernommen. Roman Dmowski, der Vorsitzende der polnischen Nationaldemokraten, forderte auf der Pariser Friedenskonferenz, dass Polen neben Posen auch ganz Ost- und Westpreußen, ganz Oberschlesien sowie Teile Niederschlesiens und Pommerns erhalte. Dank dem britischen Premierminister Lloyd George fanden diese Forderungen nur in etwas abgeschwächter Form Eingang in den Friedensvertrag. Dies sind die wichtigsten Bestimmungen:

  • Die Provinzen Posen und Westpreußen waren fast vollständig an Polen abzutreten. Diese Gebiete hatten über die Jahrhunderte eine sehr wechselvolle deutsch-polnische Geschichte. Zur Zeit der Abtretung war in Posen mehr als ein Drittel und in Westpreußen waren zwei Drittel der Bevölkerung deutsch. In Westpreußen um Marienwerder und im Süden Ostpreußens um Allenstein war durch Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen zu entscheiden. Im Abstimmungsgebiet Allenstein entschieden sich fast 98 % der Wähler für den Verbleib im Deutschen Reich; das wurde akzeptiert. Im Abstimmungsgebiet Marienwerder stimmten fast 93 % für den Verbleib im Reich; dennoch wurden Teile des Gebiets Polen zugesprochen, der größere Teil wurde an Ostpreußen angegliedert und blieb so im Reich.
  • Danzig (mit fast rein deutscher Bevölkerung) wurde als Freie Stadt unter den Schutz des Völkerbundes gestellt. Polen erhielt das Zollrecht und die außenpolitische Vertretung der Stadt. Der Verlust Westpreußens und Danzigs hatte zur Folge, dass Ostpreußen vom übrigen Deutschen Reich durch den polnischen Korridor abgetrennt war.
  • Das Memelland, also der Teil Ostpreußens nördlich des Flusses Memel, wurde nach dem Versailler Vertrag ohne Volksabstimmung unter französische Verwaltung gestellt. Von den Bewohnern bezeichneten sich 72,5 % als Deutsche und 27,5 % als Litauer. Anfang 1923 fielen litauische Kämpfer in das Gebiet ein, was von den französischen Besatzungstruppen geduldet wurde. Litauen beanspruchte das Gebiet nun für sich, und ein Jahr später erkannte der Völkerbund die Annexion an. Wie schon erwähnt, waren die USA nicht Mitglied des Völkerbundes. Das war wohl einer der Gründe dafür, dass sich der Völkerbund bei der Vermittlung in Konflikten als zahnloser Tiger erwies.
  • In Oberschlesien sollten Volksabstimmungen über die künftige Zugehörigkeit entscheiden. Polen versuchte, zuvor vollendete Tatsachen zu schaffen und organisierte einen Aufstand im oberschlesischen Industriegebiet, der aber von noch vorhandenen Verbänden der Reichswehr niedergeschlagen wurde. Als die Niederlage Polens bei der Abstimmung in Ostpreußen bekannt wurde, unternahmen polnische Aktivisten in Oberschlesien einen zweiten Aufstand, der ebenfalls scheiterte.
    Bei dem 1921 durchgeführten Referendum stimmten fast 60 % der Wähler für den Verbleib bei Deutschland. Nun beschlossen die Alliierten die Teilung Oberschlesiens.
    Noch einmal versuchte Polen, zuvor eine gewaltsame Entscheidung zu seinen Gunsten in einem dritten Aufstand herbeizuführen. Doch deutschen Freikorps gelang es, auch diesen Aufstand niederzuschlagen. (Polen spricht von den drei schlesischen Aufständen. Diese Bezeichnung verschleiert die Tatsache, dass die Aufständischen nicht nur polnische Oberschlesier waren, sondern auch aus Zentralpolen eingeschleuste Kämpfer und Verbände der regulären Armee.)
    Bei der Teilung Oberschlesiens erhielt Polen zwar nur den kleineren östlichen Teil um Kattowitz, aber dort lagen 85 % der oberschlesischen Steinkohlevorkommen und 75% aller Industrieanlagen. Die Teilung Oberschlesiens war für die deutsche Wirtschaft insgesamt ein großer Verlust.

3. Die Lage der Deutschen in den an Polen gefallenen Gebieten

Ein Grundgedanke des Wilson-Programms war das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die neu gegründeten Staaten interpretierten dies als nationale Selbstbestimmung des jeweiligen Staatsvolkes – zu Lasten der sehr großen Minderheiten in diesen Ländern. In Polen gab es durch den Gewinn vormals deutscher Gebiete eine große deutsche Minderheit. Aber es gab weitere große Minderheiten. Jósef Piłsudski, Oberbefehlshaber der polnischen Armee und ab 1920 quasi Regierungschef, strebte nämlich die Wiedererrichtung der Polnisch-Litauischen Union an, die vom 16. bis 18. Jahrhundert außer Polen und Litauen auch Lettland und Teile Estlands, Weißrusslands, der Ukraine und Moldawiens umfasst hatte. In mehreren Schlachten, insbesondere gegen Sowjetrussland, gelang es Piłsudski, bis 1922 große Teile dieser Gebiete wieder zu erobern. Dort lebten natürlich Litauer, Weißrussen, Ukrainer (damals Ruthenen genannt), aber auch Deutsche und nicht zuletzt Juden. In diesem Territorium, von Polen als Kresy (etwa Grenzland) oder auch Ostpolen bezeichnet, bildeten Polen nicht die Mehrheitsbevölkerung. Ostpolen war also durchaus kein originär polnisches Gebiet.2

Kurz nach der Staatsgründung kam es in mehreren Städten Polens zu pogromähnlichen Ausschreitungen gegen Juden. Die Alliierten setzten daher den Abschluss eines Minderheiten-schutzvertrages mit Polen durch. Dabei wurde aber bewusst vermieden, von nationalen Minderheiten zu sprechen. Den Minderheiten wurde also nicht zugebilligt, den Schutz des Staates in Anspruch zu nehmen, in dem sie die Mehrheitsbevölkerung waren. Vertraglich garantiert wurde die Gleichheit vor dem Gesetz, der Gebrauch der eigenen Sprache und freie Religionsausübung.

Doch die Lebenswirklichkeit sah anders aus. Unter Vorwänden wurden deutsche Schulen geschlossen. Mit einem Sprachengesetz sollte die deutsche Sprache zurückgedrängt werden. Hierbei wurden Formulierungen aus einem entsprechenden preußischen Gesetz von 1876 übernommen, wobei lediglich die Adjektive „deutsch“ und „polnisch“ ausgetauscht wurden. Und mit juristischen Tricks wurden Deutsche um ihren Grundbesitz gebracht.

Führende polnische Politiker machten offen Stimmung gegen die nichtpolnischen Bevölkerungsteile. Kultusminister Grabski verlangte, den Anteil der Minderheiten auf anderthalb Prozent zu senken und wörtlich: “Das fremde Element wird sich umsehen müssen, ob es sich anderswo besser befindet.“ Dies führte zu einer massiven Ausreisewelle vor allem von Deutschen. Nach den Volkszählungen von 1910 und 1931 sank z. B. der Anteil der Deutschen in Graudenz (Westpreußen) von 85 % auf 7,5 % und in der Stadt Posen von 42 % auf 2 %.

In dem nun polnischen Ostoberschlesien betrieb der Woiwode Michał Grażyński eine systematische Polonisierungspolitik. Er veranlasste die Aufnahme von polnischen Bürgern in die Direktionen der großen Firmen. In vielen Betrieben wurden polnische Zwangsverwalter eingesetzt und die entließen Arbeiter und Angestellte, die Mitglieder in deutschen Organi-sationen waren. Die Behörden benachteiligten deutsche Firmen bei der Vergabe von Aufträgen. Nationalistische Organisationen riefen wiederholt zum Boykott deutscher Geschäfte auf.

Ein besonders trauriges Kapitel ist das Verhalten der polnischen katholischen Kirche, die nichts zur Integration der Deutschen in die polnische Gesellschaft unternahm. Vielmehr veranlasste sie, dass deutsche katholische Priester auf unbedeutende Stellen abgeschoben und deutschsprachige Inschriften in Kirchen entfernt wurden. August Hlond, erster Kattowitzer Bischof und bald zum Primas von Polen gewählt, tat sich dabei besonders hervor.

Die deutsche Regierung klagte wiederholt vor dem Völkerbund über die polnischen Repressalien gegen die deutsche Volksgruppe – ohne Erfolg. Auf die Wirkungslosigkeit des Völkerbundes wurde ja schon hingewiesen. Deutschland versuchte schließlich, durch wirtschaftlichen Druck auf Polen eine Revision der Ostgrenze zu erreichen, doch ebenso ohne Erfolg. Der bereits erwähnte polnische Kultusminister Grabski sprach zwar auch von der „Wandelbarkeit der Versailler Grenzen“, jedoch im Sinne einer Ausdehnung Polens bis zur Oder.

4. Österreich-Ungarn und die Verträge von Saint-Germain und Trianon

a) Österreich-Ungarn

Das Habsburgerreich war ein Vielvölkerstaat, in dem mehr als 10 Sprachen gesprochen wurden und der sich im 19. Jahrhundert über weite Teile Mittel- und Südosteuropas erstreckte. Die Magyaren hatten mit dem sog. Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 eine vollständige Autonomie in allen innenpolitischen Fragen errungen. Der Kaiser von Österreich, also zu jener Zeit Franz Joseph I., war zugleich König von Ungarn. Seither spricht man von der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, kurz Österreich-Ungarn. Der Ausgleich löste einige Probleme, verstärkte aber andere. Die slawischen Völker des Reiches fühlten sich nun in doppelter Hinsicht benachteiligt: zum einen durch die Dominanz der Deutschen und zum anderen gegenüber den Ungarn.

b) Republik Österreich

In den letzten Kriegswochen zerfiel Österreich-Ungarn und es entstanden neue Staaten. Am 12. November 1918 wurde für die deutsch besiedelten Gebiete Österreichs in Wien die Republik Deutschösterreich proklamiert, die sich als Teil der kurz zuvor ausgerufenen Deutschen Republik bekannte. Doch im Vertrag von Saint-Germain, der Österreich betraf, verboten die Siegermächte die Vereinigung mit Deutschland und schrieben den Staatsnamen Republik Österreich vor. Hier zeigt sich, wie selektiv die Siegermächte das Prinzip des Selbst-bestimmungsrechts der Völker auslegten.

c) Tschechoslowakei

Zum österreichischen Teil der Doppelmonarchie hatten auch die Länder der böhmischen Krone gehört; das waren Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien. Dort bildeten Tschechen die Mehrheitsbevölkerung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es in diesen Landesteilen zu einem beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung gekommen. Parallel dazu entwickelte sich ein tschechisches Nationalbewusstsein. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung u. a. von dem Philosophen und Politiker Tomáš Garrigue Masaryk. Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag die Tschechoslowakische Republik (kurz: Tschechoslowakei) ausgerufen, mit Masaryk als Staatspräsidenten und Edvard Beneš als Außenminister. Masaryk war gleich zu Kriegsbeginn ins Exil nach London und Paris gegangen und hatte Kontakt zu den Alliierten aufgenommen. Sie befürworteten die angestrebte Staatsgründung, und im Vertrag von Saint-Germain wurde sie nachträglich bestätigt.

In den Randgebieten Böhmens und Mährens sowie in Österreichisch-Schlesien wohnten seit über siebenhundert Jahren mehrheitlich Deutsche, die sich Deutschböhmen, Deutschmährer und Sudetenschlesier nannten. Sie hatten in meist friedlicher Nachbarschaft mit Tschechen zur Entwicklung des Landes wesentlich beigetragen. Sie verlangten nun den Anschluss an die Republik Deutschösterreich. Doch um den Jahreswechsel 1918/1919 besetzten tschechische Truppen die deutschen Siedlungsgebiete. Am 4. März 1919 gab es in mehreren Städten, u. a. in Eger und Karlsbad, Demonstrationen der Deutschen für ihr Selbstbestimmungsrecht. Die Demonstrationen wurden gewaltsam beendet, es gab mehr als 50 Tote. Die deutschen Siedlungsgebiete wurden der Tschechoslowakei zugeordnet. Dort fühlten sich die Deutschen als unerwünschte Minderheit. Masaryk sprach von „deutschen Kolonisten und Immigranten“. In dieser Lage entwickelten die deutschen Bewohner eine gemeinsame Identität und nannten sich Sudetendeutsche und ihre Siedlungsgebiete Sudetenland. Es entstanden Parteien der Sudetendeutschen mit unterschiedlicher Ausrichtung. In den folgenden Jahren waren einige auch an tschechoslowakischen Regierungen beteiligt. Die von Konrad Henlein 1933 gegründete Sudetendeutsche Heimatfront, die später auf Druck der Regierung in Sudeten-deutsche Partei umbenannt wurde, verfolgte einen nationalistischen Kurs.

Das Staatsvolk der Tschechoslowakei bestand im Jahr 1921 aus 6,8 Mio. Tschechen und knapp 2 Mio. Slowaken. Die deutsche Volksgruppe war mit 3,1 Mio. anderthalbmal so groß wie die slowakische. Dennoch waren nur Tschechisch und Slowakisch Amtssprachen. Lediglich in Gebieten, in denen eine Minderheit mit mehr als 20 % vertreten war, durfte deren Sprache als „Hilfssprache“ amtlich verwendet werden. Neben Deutschen bildeten Ungarn, Ukrainer und Juden weitere große Minderheiten. Insgesamt hatte die Tschechoslowakei im Jahr 1921 ca. 13,6 Mio. Einwohner. Tschechen machten also lediglich die Hälfte der Einwohner aus.

In der Verfassung der Tschechoslowakei war der Tschechoslowakismus als Staatsdoktrin festgeschrieben. Er bedeutete, dass Tschechen und Slowaken als eine Nation galten. Die Doktrin diente gegenüber den Alliierten als Begründung dafür, dass die Tschechoslowakei ein Nationalstaat im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Völker sei. Praktisch waren die Tschechen tonangebend. Deshalb begegneten die meisten Slowaken dem Tschechoslowa-kismus zurückhaltend. Und nach dem Zerfall des Ostblocks gingen ja beide Nationen sehr schnell getrennte Wege.

d) Ungarn

Im 12. Jahrhundert hatten ungarische Landesherren Siedler aus dem Westen angeworben. Die kamen vom Mittelrhein und von der Mosel, aber auch aus Bayern und Flandern und siedelten überwiegend in Siebenbürgen. Sie wurden bald unterschiedslos als Siebenbürger Sachsen bezeichnet. Ende des 17. und im 18. Jahrhundert, nach dem Sieg über die Türken, warb das Habsburgerreich noch einmal Siedler aus dem Westen an. Die kamen nun vor allem aus Süddeutschland und siedelten im Banat und in der Batschka (Banater Schwaben bzw. Donauschwaben genannt).

Ungarn hatte schon Ende Oktober 1918 den Austritt aus der Doppelmonarchie erklärt und proklamierte wenig später die Republik. Mit dem Vertrag von Trianon verlor Ungarn zwei Drittel seines Territoriums und hiermit ca. 3 Millionen seiner magyarischen Einwohner an verschiedene neu gegründete Staaten, unter anderem an den slowakischen Teil der Tschechoslowakei. Siebenbürgen fiel an Rumänien. Die Siebenbürger Sachsen begrüßten dies, allerdings waren sie nun einem starken Romanisierungsdruck ausgesetzt. Dem konnten sie sich aber dank ihrer wirtschaftlichen Stärke und kulturellen Geschlossenheit erfolgreich widersetzen. Das Banat und die Batschka wurden zwischen Ungarn, Rumänien und Serbien aufgeteilt.

Auf die Verträge von Neuilly-sur-Seine mit Bulgarien und von Sèvres mit dem Osmanischen Reich kann hier nicht eingegangen werden.

5. Russisches Reich bzw. Sowjetrussland3

Wie bereits erwähnt, war Russland mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk aus dem Krieg ausgeschieden. Die Bolschewiki strebten eine Stabilisierung ihrer Macht im Inneren an und akzeptierten daher schließlich die Friedensbedingungen, mit denen Deutschland sich einen starken Einfluss von Estland bis zur Ukraine sichern wollte. Dieser Vertrag wurde aber mit dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne annulliert.

Katharina II. (die Große) und ihr Enkel Alexander I. hatten im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts Deutsche zur Ansiedlung im Zarenreich angeworben. Einige zehntausend Siedler folgten der Aufforderung. Die Siedler erhielten weitgehend unerschlossenes Land, aber auch diverse Vergünstigungen, z. B. Befreiung vom Militärdienst, Religionsfreiheit und langjährige Steuerbefreiung. Auch durften sie in Schule und Kirche die deutsche Sprache gebrauchen. Diese Privilegien, aber vor allem ihr Fleiß und ihre Zielstrebigkeit schlugen sich schließlich in großen wirtschaftlichen Erfolgen nieder. Vor Beginn des Ersten Weltkrieges war die von Deutschen in Russland bewirtschaftete Ackerfläche genauso groß wie die gesamte Ackerfläche in Deutschland.

Die Erfolge der Deutschen führten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu antideutschen Stimmungen. Nun wurden ihre Privilegien schrittweise abgeschafft. Mit dem Beginn des Krieges verschärften sich diese Maßnahmen drastisch. Der Gebrauch der deutschen Sprache wurde verboten. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden deutsche Geistliche nach Sibirien verbannt. Das beschädigte auch soziale Einrichtungen (Krankenstationen, Schulen), da diese meist eine kirchliche Basis hatten. Als Folge der Dürre in den Jahren 1921 – 1923 und der Kollektivierung verhungerten Millionen Menschen, unter ihnen ca. 120.000 Deutsche.

Die stalinistische Ära war für die Deutschen – aber natürlich nicht nur für sie – eine Zeit des Schreckens. Die "Entkulakisierung" traf nicht zuletzt viele Deutsche; sie wurden vertrieben, verbannt oder umgebracht. Der hierdurch eingetretene Nahrungsmangel führte zu einer neuen Hungerkatastrophe, der ca. 350.000 Deutsche zum Opfer fielen. Während der stalinistischen sog. „Säuberungen“ Ende der 1930er Jahre wurden allein in der Ukraine ca. 200.000 Deutsche erschossen oder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

6. Schlussbemerkung

Am Ende des Ersten Weltkriegs waren drei Großreiche zerfallen: die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, das Russische Reich und das Osmanische Reich. Deutschland war von einer Monarchie zu einer Republik transformiert worden und hatte große territoriale Verluste erlitten.

Die Pariser Vorortverträge veränderten die politische Karte Europas grundlegend. Anstelle der multiethnischen Großreiche gab es nun eine Vielzahl kleiner und wiederum multiethnischer Nationalstaaten. Das jeweilige Staatsvolk nahm sein Selbstbestimmungsrecht wahr, setzte aber Minderheitenrechte nur halbherzig oder gar nicht um. Der Völkerbund blieb wirkungslos. Die Verträge schufen eine neue Ordnung in Europa. Doch war das die Ordnung, die Wilson mit seinem „Programm des Weltfriedens“ erstrebte?

Den Traum vom Weltfrieden oder vom „ewigen Frieden“ gibt es wohl, seit es die großen Kriege gibt. In der Neuzeit hat vor allem Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1795 eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Der „Weltweise aus Königsberg“, wie ihn Zeitgenossen nannten, setzt sich darin u. a. mit den Begriffen Völkerrecht und Völkerbund auseinander. Gedanken seiner Schrift sind in die Satzung des Völkerbundes von 1919 eingeflossen. Völkerbund und Pariser Vorortverträge haben den „ewigen Frieden“ nicht gebracht, wie sich zwei Jahrzehnte später auf grauenvolle Weise zeigte. Strittig ist unter Historikern, ob die Verträge, insbesondere der Versailler Vertrag, zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges beigetragen haben.

1 Zu Daten und Fakten im Zusammenhang mit Polen sei verwiesen auf T. Urban: Polen; 2., aktualisierte und ergänzte Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2003.
2 Das muss man beachten, wenn man die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostprovinzen nach dem Zweiten Weltkrieg vergleicht mit der Umsiedlung der Polen aus Ostpolen, das 1945 von der Sowjetunion annektiert wurde – ganz abgesehen von anderen Unterschieden.
3 Dieser Abschnitt stützt sich auf den Vortrag, den Rechtsanwalt Friedrich Zempel zum Tag der Heimat am 24.06.2018 in Reichenbach/OL gehalten hat.

Ein reicher, fast vergessener Schatz:

deutschsprachige Literatur aus Böhmen und Mähren

Winfried Schirotzek

Schriftsteller aus Böhmen und Mähren haben in der Vergangenheit die deutschsprachige Literatur in kaum überschaubarer Weise bereichert. Die Grundlage hierfür war die Siedlung von Deutschen in diesen Gebieten, die im 12. und 13. Jahrhundert von der tschechischen Dynastie der Přemysliden initiiert wurde. Deutsche Bauern und Handwerker wirkten an der Erschließung des Landes mit. Die Silbererzvorkommen um Iglau/Jihlava und Kuttenberg/Kutná Hora wurden unter anderem von Bergleuten aus dem Freiberger Raum abgebaut.

Einer der ältesten Belege für eine deutsche Gemeinde in Prag ist der Freiheitsbrief von Herzog Sobieslaw II. aus dem Jahre 1176. Darin räumt der Herzog den Deutschen ein, nach ihrem Recht zu leben. Diese Freiheit ging so weit, dass die deutschen Kaufleute die ab dem 14. Jahrhundert erbaute Teynkirche am Altstädter Ring als ihr Gotteshaus nutzen konnten.
Deutsche waren also seit dem Mittelalter maßgeblich an der wirtschaftlichen Entwicklung Böhmens und Mährens beteiligt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sie auch auf kulturellem Gebiet schöpferisch hervortraten. Hier soll es um ihre Beiträge zur deutschen Literatur gehen.

Der zeitliche Bogen spannt sich vom Spätmittelalter bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In Böhmen schuf Johannes von Tepl (auch Johannes von Saaz genannt) um 1400 mit dem Werk Der Ackermann aus Böhmen eine der bedeutendsten deutschen Dichtungen des Spätmittelalters. Geschrieben ist das Werk in frühneuhochdeutscher Sprache. Hoch emotional klagt ein Ackermann den Tod an, der ihm seine geliebte Frau geraubt hat. Zitat in heutigem Deutsch: „Grimmiger Tilger aller Leut, schädlicher Ächter aller Welt, furchtbarer Mörder aller Menschen, Tod, seid verflucht!“ Und in dieser Weise geht es wortgewaltig weiter. Der Tod hält dagegen, dass er keinen Unterschied macht zwischen Alten und Jungen, Guten und Bösen. Er argumentiert kühl, manchmal auch zynisch. So rät er dem Ackermann, sich eine neue Frau zu suchen. Dieses Streitgespräch mit den zwei unterschiedlichen Stilebenen ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich von hoher Qualität.

Aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist vor allem der im Böhmerwald beheimatete Adalbert Stifter zu nennen. Er verbindet detailreiche, liebevolle Naturschilderungen mit menschlichen Schicksalen, wie z. B. in der anrührenden Novelle Bergkristall über zwei Kinder, die sich in den Bergen verirrt haben.

Die aus Mähren stammende Marie von Ebner-Eschenbach nimmt mit ihren psychologischen Erzählungen einen bedeutenden Platz in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts ein. In dem Roman Das Gemeindekind beschreibt sie die sozialen Verhältnisse in einem dörflichen Milieu sehr genau und benennt verfestigte Vorurteile gegenüber Benachteiligten.
Die literarische Kreativität deutsch-böhmischer und deutsch-mährischer Autoren erreichte ihren Höhepunkt in der Zeitspanne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Münchner Abkommen 1938; ihr Zentrum war Prag. Man spricht daher vom Kreis der Prager deutschsprachigen Schriftsteller, auch kurz Prager Kreis genannt.

Der deutsch-böhmische Germanist und Literaturwissenschaftler Kurt Krolop, der wie kaum ein anderer den Prager Kreis erforscht hat, zählt in einem Essay von 1984 – stellvertretend, wie er sagt – 22 Autoren dieses Kreises auf. An einige sei zunächst in aller Kürze erinnert. Johannes Urzidil aus Prag war Journalist und Schriftsteller. In den 1950er Jahren verfasste er im amerikanischen Exil den aus einzelnen Episoden bestehenden Roman Die verlorene Geliebte. Der Titel hat eine doppelte Bedeutung: Er bezieht sich nicht nur auf eine Frau, sondern er ist auch ein wehmütiger Rückblick auf das für Deutsche verlorene alte Prag und Böhmen. Egon Erwin Kisch, ebenfalls in Prag geboren, war ein vielseitiger Journalist und Reporter, der sich aus einer linken Position sowohl für politische als auch soziale Fragen engagierte. Rainer Maria Rilke, obwohl in Prag geboren, ist dem Prager Kreis nur im weiteren Sinne zuzurechnen. Er hat Erzählungen und einen Roman verfasst, war aber vor allem ein bedeutender Lyriker. Viele seiner Gedichte erzeugen in ihrer metaphernreichen, auserlesenen Sprache eine unmittelbare emotionale Wirkung. Das dreistrophige Gedicht Herbsttag verknüpft kunstvoll Jahres- und Lebenszeit. Es beginnt mit der Strophe „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß./Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,/und auf den Fluren lass die Winde los.“ Dann folgt eine Apotheose des Spätsommers. Die letzte Strophe wirft einen einfühlsamen Blick auf jene, die die Zeit der Ernte nicht nutzen konnten; sie beginnt mit dem Vers: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Nun soll auf Persönlichkeiten des engeren Prager Kreises etwas näher eingegangen werden. Alle waren Juden. Das ist nicht verwunderlich, denn in Prag waren Juden seit dem 11. Jahrhundert ansässig. Die Prager jüdische Gemeinde gehörte zu den größten in Europa. Die überwiegende Zahl ihrer Mitglieder bekannte sich zur deutschen Kultur.

Zuerst sei an einen zu Unrecht wenig bekannten Autor erinnert: an den aus Südmähren stammenden Ludwig Winder. Als Feuilletonredakteur einer deutschsprachigen Prager Zeitung, die ab 1918 Deutsche Zeitung Bohemia hieß, hatte Winder zu vielen Autoren des Prager Kreises Kontakt. Er verfasste zahllose Theaterkritiken, Buchrezensionen und Essays, wodurch er das deutsche Geistesleben in Prag maßgeblich mitprägte. Winders literarisches Hauptwerk ist der Roman Der Thronfolger.

Zunächst ein kurzer historischer Exkurs: Seit 1526 waren die Länder der böhmischen Krone (die böhmischen Länder), also Böhmen, Mähren und Schlesien, Territorien der Habsburger Monarchie. Nach der Eroberung durch Friedrich II. (den Großen) gehörte der größte Teil Schlesiens ab 1742 zu Preußen. Seit 1848 wurde die Habsburger Monarchie von Kaiser Franz Joseph I. regiert. Ungarn erreichte 1867 einen Autonomiestatus in allen innenpolitischen Fragen. Franz Joseph I. wurde zum König von Ungarn gekrönt. Nun sprach man von der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Nach dem Freitod des Kronprinzen Rudolf war des Kaisers Neffe Franz Ferdinand der rechtmäßige Thronfolger. Der war ein verschlossener, misstrauischer Mensch. Sowohl am kaiserlichen Hof als auch beim Volk war er unbeliebt. Aber er war ehrgeizig und wollte die in erstarrtem Zeremoniell verharrende Monarchie reformieren. Das erweckte den Argwohn des Kaisers und des gesamten Hofstaates. Die Ablehnung gegenüber Franz Ferdinand verstärkte sich durch die Wahl seiner Ehefrau, einer Gräfin Chotek. Die stammte zwar aus uraltem böhmischem Adel, doch den Habsburgern galt sie als nicht ebenbürtig. Ihre und ihrer Kinder Stellung am Hofe wurde in demütigender Weise bürokratisch geregelt. Sie war vermutlich der einzige Mensch, dem Franz Ferdinand herzlich verbunden war. Politisch strebte Franz Ferdinand an, den südslawischen Völkern der Doppelmonarchie eine größere Autonomie einräumen. Dadurch wurde er zum Hassobjekt

Serbiens, das selbst Großmachtambitionen hatte. Damit war der Boden bereitet für das Attentat von Sarajevo, bei dem Franz Ferdinand und seine Gemahlin getötet wurden. Niemand trauerte um den Thronfolger, doch seine Ermordung löste schließlich den Ersten Weltkrieg aus.1

Diesen historischen Sachverhalt verknüpft Winder meisterhaft mit fiktiven Handlungselementen. Bemerkenswert ist das psychologische Einfühlungsvermögen, mit dem er den unbeliebten Thronfolger ausgewogen porträtiert. Das Buch ist aber, über dieses gelungene Porträt hinaus, eine beachtliche Darstellung der Endphase der Doppelmonarchie.2

1939 flüchtete Winder nach Großbritannien, wo er sich einer Gruppe deutscher NS-Gegner aus der Tschechoslowakei anschloss. Er vertraute darauf, dass nach dem Krieg ein „brüderliches Zusammenleben mit den Tschechen und Slowaken“ gelingen würde. 1946 wollte er in die „befreite Heimat“, wie er schrieb, zurückkehren. Doch im Juni desselben Jahres ist er gestorben. So blieb ihm die desillusionierende Erfahrung der Vertreibung erspart.

Die herausragende Persönlichkeit des Prager Kreises war Franz Kafka, der 1883 in Prag geboren wurde. Die Protagonisten seiner zahlreichen Erzählungen und drei unvollendeter Romane sind in der Regel Menschen, die einer unheimlichen Macht oder undurchschaubaren Entscheidungen ausgesetzt sind. In dem Roman Das Schloss kommt die Hauptgestalt, K. genannt, in ein Dorf, das unter der Herrschaft eines Schlosses steht. Er wird darauf hingewiesen, dass er sich in dem Ort nur mit einer Genehmigung aus dem Schloss aufhalten dürfe. In vielfältiger Weise bemüht K. sich um diese Genehmigung. Er wendet sich an Dorfbewohner. Die stehen offenbar unter einer rätselhaften Bedrohung durch das Schloss und weichen ihm aus. Er trifft auf Beamte aus dem Schloss, die ihm aber auch nicht helfen können oder wollen. Dann bricht der Text ab, K. hat die erstrebte Genehmigung nicht erhalten.

In einer sehr klaren Sprache schildert Kafka dieses alptraumhafte Geschehen, das viele Interpretationen zulässt. Vermutlich sind Kafkas berufliche Erfahrungen eingeflossen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag arbeitete er als Beamter an der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ in Prag. Dort wurde er mit vielen persönlichen Schicksalen konfrontiert, die er aber nur als „Versicherungsfall“ registrieren und klassifizieren konnte. Aus der Sicht der Betroffenen waren die Versicherungsbescheide gewiss oft undurchschaubar.

Der Roman kann aber auch als eine Reflexion der politischen Umbrüche gedeutet werden. Kafka arbeitete bis 1922 an dem Werk. Vier Jahre zuvor war mit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zerfallen. Nachdem im Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik proklamiert worden war, mussten Deutschböhmen, Deutschmährer und Sudetenschlesier vielfach feststellen, dass sie in ihrer angestammten Heimat nun als unerwünschte Minderheit angesehen wurden. Und sie kämpften darum, weiterhin dazu zu gehören. Eine Episode des Romans spiegelt eine solche Situation sehr deutlich wider. In einem Gespräch zwischen K. und einer Dorfbewohnerin sagt K.: „Auswandern kann ich nicht“ und noch einmal verstärkt: „…ich bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hier bleiben.“

Kafka erlebte die Veröffentlichung des Schloss-Romans nicht mehr. 1924 ist er 41jährig an Lungentuberkulose gestorben. Er hatte verfügt, dass die Romanfragmente nach seinem Tod vernichtet werden sollen. Sein langjähriger Freund, Förderer und Nachlassverwalter, der ebenfalls zum Prager Kreis gehörende Max Brod, folgte dieser Verfügung nicht. Er setzte sich nach Kafkas Tod unermüdlich für dessen Werk ein. Das Fragment des Schloss-Romans veröffentlichte er 1926.

Ein sehr erfolgreiches Mitglied des Prager Kreises war Franz Werfel, der 1880 in Prag geboren wurde. Zunächst trat er mit expressionistischer Lyrik hervor. Im Café Arco in der Prager Neustadt (Nové Město) versammelte er deutsche Schriftsteller und Künstler um sich und rezitierte seine Gedichte. Schließlich wandte Werfel sich aber der Prosa zu. Besonders populär wurde sein Buch Verdi. Roman der Oper von 1924. Darin schildert er sehr einfühlsam eine Schaffenskrise des großen italienischen Komponisten. Ausgelöst wurde die Krise von Selbstzweifeln Verdis angesichts der Erfolge, die Richard Wagner mit seinem ganz anderen Opernstil feierte.

Werfels Hauptwerk ist der umfangreiche historische Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh. Der Hintergrund ist der Völkermord der Osmanen an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges. Bei Massendeportationen von Armeniern in die syrische Wüste kamen schätzungsweise mehr als eine Million Menschen ums Leben. Der Roman behandelt eine historisch belegte Episode dieser Vorgänge. Um sich gegen die Deportation zur Wehr zu setzen, versammeln sich etwa 5000 Armenier aus umliegenden Dörfern auf dem Musa Dagh, dem Moses-Berg. An Zahl und Bewaffnung den Türken hoffnungslos unterlegen, verteidigen sie sich vierzig Tage lang gegen mehrere Angriffe. Schließlich werden die etwa 4000 Überlebenden von französischen Schiffen gerettet. Der Roman ist ein wortgewaltiges Epos: eine meisterhafte Mischung aus historischen Fakten, fiktiven Handlungssträngen und menschlichen Beziehungen. Im Wiener Schillerpark wurde 1998 ein von der Republik Armenien gestiftetes Denkmal mit Werfels Büste und der Inschrift In Dankbarkeit und Hochachtung – das armenische Volk enthüllt.

Auf der Flucht vor dem NS-Regime über die Pyrenäen nach Spanien verbrachten Franz Werfel und seine Frau Alma3 1940 einige Tage im südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes. Dort wurde die heilige Bernadette verehrt, der nach Überzeugung der katholischen Kirche als Vierzehnjähriger die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Der jüdische Schriftsteller Werfel gelobte in Lourdes, sein nächstes Buch über Bernadette zu schreiben, sollte die Flucht nach Amerika glücken. Die Flucht gelang und Werfels Roman Das Lied von Bernadette wurde ein großer Erfolg.

Schließlich ist an die 1916 in Prag geborene jüdische Schriftstellerin Lenka Reinerová zu erinnern. 1939 ging sie nach Paris ins Exil. Dort wurde sie nach der deutschen Besetzung verhaftet, konnte aber schließlich nach Mexico emigrieren. Nach dem Krieg kehrte sie nach Prag zurück. Obwohl ihre gesamte Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen war, hielt sie an der deutschen Sprache als ihrem literarischen Ausdrucksmittel fest. 1952 wurde sie im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ innerhalb der Kommunistischen Partei, der sie angehörte, 15 Monate inhaftiert. Diese Zeit thematisierte sie Jahrzehnte später in dem Buch Alle Farben der Sonne und der Nacht. Auch andere ihrer zahlreichen Erzählungen haben autobiografische Bezüge, viele spielen in ihrer Heimatstadt. 2008 ist sie dort gestorben. Lenka Reinerová war die letzte deutschsprachige Autorin Prags.

Wie steht es heute um das Erbe dieser reichen kulturellen Tradition? 2004 gründeten Lenka Reinerová, der bereits erwähnte Kurt Krolop und František Černý, ehemaliger Botschafter seines Landes in Deutschland, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Seine Aufgabe sieht das Literaturhaus in der „Wahrnehmung und Wiederbelebung des Kulturerbes der deutschsprachigen Literatur aus den böhmischen Ländern“. Seit 2015 gibt es außerdem an der Prager Karlsuniversität eine Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur. Zum Umfang des Forschungsgegenstandes sagte Manfred Weinberg, der Leiter der Forschungsstelle, im Prager Rundfunk: „Das Problem dabei ist, dass wir – sehr vorsichtig gesprochen – mindestens zwanzig Leute für zehn Jahre bräuchten, wenn wir das alles untersuchen wollten.“ Literaturhaus und Forschungsstelle führen – teilweise gemeinsam – Tagungen durch, zu denen regelmäßig auch Literaturwissenschaftler aus Deutschland eingeladen werden.

1 Die Ursachen des Krieges waren allerdings außerordentlich vielschichtig.
2 Auf andere, aber gleichermaßen beeindruckende Weise hat der aus Galizien stammende Joseph Roth den Abgesang der Doppelmonarchie in seinem Roman Radetzkymarsch gestaltet.
3 Alma Mahler-Werfel war eine kunstsinnige, attraktive Frau, die viele schöpferische Persönlichkeiten inspirierte. Sie war mit dem aus Mähren stammenden Komponisten Gustav Mahler verheiratet. Nach dessen Tod heiratete sie den Architekten Walter Gropius und nach der Scheidung von diesem schließlich Franz Werfel.

Der Vertrag von Trentschin

Der Vertrag von Trentschin wurde am 24. August 1335 auf der Burg Trentschin in der gleichnamigen damals ungarischen Stadt Trentschin (ungarisch Trencsén, heute Trenčín in der Slowakei) abgeschlossen und am 9. Februar 1339 in Krakau ratifiziert.

Vertragsparteien waren der böhmische König Johann von Luxemburg und dessen Sohn Markgraf Karl sowie der polnische König Kasimir der Große. Als Vermittler bei den Vertragsverhandlungen wirkte Kazimirs Schwager, der ungarische König Karl von Anjou. Deshalb fanden die Verhandlungen auf seiner Burg Trentschin statt, die unweit der Grenze zu Schlesien und Böhmen im Nordwesten der jetzigen Slowakei liegt.

Mit dem Vertrag gab Kazimir der Große alle Ansprüche Polens auf die von den Piasten dominierten schlesischen Territorien auf ewige Zeiten auf.

Mit dem Vertrag wurde die politische Trennung Schlesiens von Polen festgelegt.
Im Gegenzug verzichteten Johann von Luxemburg und sein Sohn Karl auf den polnischen Königstitel, den sie von den Přemysliden ererbt hatten.
Nach dem Tod Johanns von Luxemburg, dem 1347 dessen Sohn Karl IV. als König von Böhmen folgte, wurden die Bestimmungen des Trentschiner Vertrages nochmals zwischen Kazimir dem Großen und Karl IV. mit dem Vertrag von Namslau 1348 bekräftigt.

Kazimirs Nachfolger Ludwig I. bestätigte 1372 in seiner Eigenschaft als König von Polen die Trentschiner Verzichtserklärung in vollem Umfang.
Die mit dem Vertrag festgelegten schlesisch - polnischen Grenzen blieben weitgehend bis 1945 bestehen.
Allerdings gab es nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, bedingt durch das Versailler Diktat, kleinere Grenzverschiebungen, bzw. Gebietsabtretungen. Darunter fiel auch das oberschlesische Industriegebiet.